Ins Mark Der Kommentar zur steirischen Woche

Maribor: noch kein Einreiseverbot!

Steiermark | aus FALTER 04/12 vom 25.01.2012

Einer Europäischen Kulturhauptstadt sollte es primär um Kultur gehen. In Maribor gab es davon leider am Eröffnungstag nur wenig zu sehen. Politische Performances standen im Vordergrund. Vor allem Maribors Bürgermeister Franc Kangler tat sich dabei hervor: Die Ansprache zu seinem Empfang hielt er völlig abgehoben fünf Meter über seinen Gästen. Im slowenischen Kontext erinnern derartige Auftritte an das Künstlerkollektiv Neue Slowenische Kunst (NSK), die für autoritäre Ästhetiken berühmt sind. Freilich fehlte Kangler das bei NSK obligatorische faschistoide Kostüm. Auch die Grazer Vizebürgermeisterin Lisa Rücker machte deutlich, noch nie eine derartige Inszenierung gesehen zu haben - sie bat ausdrücklich um ein Foto der betreffenden Szene. Vergangene Woche beschrieb der Autor all das im Falter und zuvor auch in der slowenischen Tageszeitung Dnevnik.

Mit unerwarteten Folgen: Maribors Bürgermeisteramt schickte am Tag des Dnevnik-Artikels eine Protestnote nach Graz und brachte die Vizebürgermeisterin mit einer manipulierten Übersetzung dazu, sich zu entschuldigen. Man hatte die journalistische Bewertung der Szenerie ("absurder Empfang“) der Vizebürgermeisterin als ihr wörtliches Zitat vorgehalten. Noch besser: Die Sache mit dem Kostüm, ließ Kangler via Facebook wissen, sei eine Beleidigung für Maribor, seine Partnerstädte und das ganze slowenische Volk. Das dahinterliegende Muster ist klar: In Kanglers rechtspopulistischem Universum hat kritischer Journalismus keinen Platz. Für eine kritische, zeitgenössische Kultur und damit das europäische Kulturhauptstadtjahr verheißt das jedoch in keinem Fall Gutes.


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