Selbstversuch

Andere Menschen, andere Räume

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 04/12 vom 25.01.2012

Also er finde die Lana-Del-Rey-Diskussion echt überflüssig, sagte Sedlacek.

Du bist aber der Erste, der fleißig diskutiert, sagte ich.

Es gehe hier um die Kreativität, sagte Sedlacek, die Radikalität der künstlerischen Ästhetik, um einen, ja, Kulturbruch.

Ja eh. Aber allerweil darf man ein Frauenmodell wie jenes, das uns Frau Del Rey in ihren Videos anbietet, dennoch auch im Windkanal der Alltagstauglichkeit und des feministischen Diskurses testen.

Schwerer wog deshalb der Einwand von Kollegin Gini B., die meinte, sie müsse jetzt in diese Debatte doch einmal ein wenig komischhaarige Ernsthaftigkeit reinschütten, weil: Wieso soll uns jetzt auf einmal wieder das Glück der Herren primär wichtig sein?

Eh nicht primär. Andererseits glaube ich sehr an glückliche Männer. (An glückliche Frauen auch.) Aber um hier einmal bei den Männern zu bleiben: Unglückliche, unzufriedene Männer sind keine guten Partner. Sie sind schlechte Väter, schlechte Kollegen, schlechte Chefs und schlechte Lehrer. Gute Künstler vielleicht, aber eine Voraussetzung dafür ist der Verbleib im Unglück, denk ich, auch nicht.

Allerdings ist es, da geh ich mit B. vollkommen d’accord, natürlich nicht die Aufgabe der Frauen, die Männer glücklich zu machen, so wie überhaupt, jetzt einmal außer bei Kindern, nie ein Mensch für das Glück eines anderen verantwortlich ist. Das muss man selbst wollen. Was es manchmal nötig macht sicherzugehen, ob der Ort, an dem man sich befindet, richtig ist, oder ob man lieber woanders hin wollerte. Ob man vielleicht unter anderen Umständen anders entschieden hätte und was das für das Akutdasein bedeutet. Ob die großen Entscheidungen richtig waren, und wenn nicht, was jetzt. Und vielleicht muss man mitunter austesten, ob nicht ein anderes Leben besser und richtiger für einen wäre, ob einen andere Menschen, andere Räume glücklicher machen würden, zufriedener, richtiger.

Weil: An den notorisch Unglücklichen geht die Welt zugrunde.

Man braucht es mit der Glückssucht jetzt ja nicht gleich so zu übertreiben, wie die Lächelsektierer in Paul Poets schönem, zart verstörendem und empfehlenswertem Dokumentarfilm "Empire Me“, der gerade in den Kinos läuft. Aber den richtigen Ort finden, den Ort, an dem man sein kann und bleiben will: ja. Und dabei kann es eben hilfreich sein, jemanden in der Nähe zu haben, der einen zuweilen zu dieser Auseinandersetzung mit der eigenen Geworfenheit zwingt.

Ich sage nicht, dass Lana das nicht kann. Sie vermittelt nur, und das scheint ja eben einen Teil ihrer Verlockung auszumachen, den Eindruck, dass sie es nicht wird, dass das Leben mit ihr aus Sex und Autokino und seriell durchgefeierten Nächten und Kulturbruchskunst besteht. Ist eh lässig, bloß. Mehr sag ich gar nicht.


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