Tiere

Halt’s Maul!

Falters Zoo | aus FALTER 05/12 vom 01.02.2012

Es gibt Nachrichten, bei denen bleibt einem der Mund offen. Das passiert zum Beispiel dann, wenn sich FPÖ-Chef Strache beim Wiener Korporationsball über die dagegen protestierenden Massen empört, dies laut Standard mit der "Reichskristallnacht“ vergleicht und seinesgleichen zu "den neuen Juden“ erhebt. "Strache, du Opfer“, würde die FPÖ-Kernwählerschaft in passendem Soziolekt darüber spotten. Wenn Klaus Nittmann, Geschäftsführer des freiheitlichen Bildungsinstituts dann auch noch klagt, dass jeder, der "für diesen Ball arbeitet, gleich den Judenstern aufgedrückt“ bekommt, dann stehen wir kleinen Tierfreunde weiterhin mit geöffnetem Mund da und befürchten, einen Krampf unserer Kiefermuskulatur zu erleiden.

Das geschieht auch sonst gar nicht so selten, denn von den vier Muskeln, die zum Beißen verwendet werden, ist nur ein verhältnismäßig schwacher für das Öffnen zuständig. Der sogenannte Äußere Flügelmuskel (Musculus pterygoideus lateralis) verbindet Keilbein und Unterkiefer und wird immer dann eingesetzt, wenn wir unser Maul aufreißen. Das geht bekanntlich ohne große Anstrengung, während das Schließen meist von Hindernissen begleitet wird. Menschen können bis zu 500 Kilogramm Druck zwischen beiden Kiefern erzeugen. Das reicht jedenfalls für gekochte Nahrung, im rauen Wettbewerb der freien Wildbahn wird noch einiges zugelegt: Rottweiler beißen mit 1400 Kilo zu, Löwen mit doppelter Kraft und Krokodile erreichen sogar über 11.000 Kilogramm. Doch auch Echsen sind beim Schließen ihres Mauls faul und ihre Öffnungsmuskulatur schwach. Den Kiefer eines halbwüchsigen Krokodils kann man schon mit einem festeren Gummiband oder auch nur mit den Händen zuhalten.

Nach dem ungläubigen Staunen mit heruntergelassener Lade (Protrusion ist das feinere Wort dafür) stellt sich der gegenteilige Effekt ein, das Zähneknirschen. Das ist aufgrund der beschriebenen Kräfte viel gefährlicher für die mentale wie dentale Gesundheit. Bruxismus nennt der Fachmann das teilweise unbewusste Aufeinanderpressen des Kiefers. Auch im Schlaf können dabei Drücke zwischen 20 und 90 Kilogramm auf die Zähne einwirken. Als Lockerungsübung empfiehlt die Münchner "Apotheken Umschau“, eine Faust leicht gegen das Kinn zu drücken und dabei zu versuchen, den Mund zu öffnen.

Dass es manchmal entspannender wirken kann, seine Faust wo anders hin zu drücken, haben jetzt aber Sie gesagt.

Bruxismus ist eine stomatognathe Parafunktion. Darunter versteht man Aktivitäten des Kausystems ohne funktionellen Zweck, wie Lippenbeißen, Zungenpressen oder Fingernägelkauen

Zeichnung: püribauer.com


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige