Theater  Kritik

Zu viel Raum für einen Nachkriegsklassiker

Lexikon | aus FALTER 05/12 vom 01.02.2012

Nicholas Ofczarek mit Katharina

Lorenz (oben) und Dörte Lyssewski

Nur, weil Blanche DuBois das grelle Licht scheut - man könnte ihr etwas verlebtes Gesicht zu deutlich erkennen - und nackte Glühbirnen mit bunten Lampions in schummrige Beleuchtung transformiert, besteht noch lange kein Anlass, ihre Geburtstagsfeier (im September) mittels Papiergirlanden in einen verfrühten Mardi Gras zu verwandeln. An vielen solchen wohl nett gemeinten, aber wenig zielführenden Ideen scheitert die Umsetzung von "Endstation Sehnsucht“ durch Dieter Giesing.

Hauptgrund für das geringe Interesse, das Blanches Schicksal weckt, ist aber der Spielort: Die Bühne des Burgtheaters ist zu weitläufig (durch Karl-Ernst Herrmann sogar noch zusätzlich vergrößert) für die Geschichte um die seelisch und finanziell gebrochene Südstaaten-Damsell, die zu ihrer mit dem proletenhaften Stanley Kowalski verheirateten Schwester Stella (Katharina Lorenz) flüchtet. Dort tischt sie allerhand Lügen über ihre Vergangenheit und ihre Aussichten auf, wird vom boshaft-gerissenen Schwager nicht nur kaum geduldet und der Unwahrheiten überführt, sondern schließlich sogar vergewaltigt und dadurch in den Wahnsinn getrieben, sodass sie ins Irrenhaus gesteckt wird.

Ein bisschen mehr Intimität, ja Enge, hätte diesem amerikanischen Nachkriegsklassiker von Tennessee Williams jedenfalls nicht geschadet. So aber berührt das tragische Geschick von Blanche das Publikum noch weniger als ihre Schwester, die - allerdings nicht nur in der aktuellen Inszenierung - ohnehin mehr am erfüllenden Sexualleben mit ihrem geliebten Stanley interessiert ist. Man kann Nicholas Ofczarek hierbei wieder einmal in einer prononciert gewalttätigen Rolle beobachten, und Dörte Lyssewski beeindruckt als alkoholsüchtiger Möchtegern-Vamp. Dennoch bleibt der Abend zu uninspiriert und deshalb fade. MARTIN LHOTZKY

Burgtheater, Sa, Mo 19.30


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