Kunst  Kritik

Geschlechterkampf im Küchendampf

Lexikon | aus FALTER 05/12 vom 01.02.2012

Die US-Künstlerin Cindy Sherman war in der Stadt (siehe auch "Zoo“, S. 47). Im Stiegenhaus des Energiekonzerns Verbund eröffnete sie eine Ausstellung von frühen Arbeiten, die auch in einer Publikation der Sammlung Verbund dokumentiert sind. Zu sehen sind Abzüge von Fotoarbeiten, die sie während ihres Kunststudiums in Buffalo machte. Bisher galten die nach ihrem Umzug nach New York entstandenen "Untitled Film Stills“ (1977-1980), in denen sie verschiedene Frauenfiguren aus Films noirs verkörperte, als Frühwerk. Das Spiel mit medialen Geschlechterklischees machte sie zur Klassikerin feministischer Kunst.

Nun lernt man ein noch früheres Werk kennen, in dem die Künstlerin bereits mit Verwandlungen und Inszenierungen spielt. In einer Bilderserie wird aus einer unscheinbaren Studentin ein Glamour-Girl, dem Make-up sei Dank. Sie fotografiert sich in unterschiedlichen Rollen (die Sekretärin, die Journalistin) und schneidet die entworfenen Papierfiguren aus (Cutouts). Schließlich stellt sie die ausgeschnittenen Figuren auch zu filmartigen Szenen zusammen. In der Serie "Murder Mystery“ entwirft sie mit hunderten Cutouts Szenen einer Kriminalgeschichte, in denen Sherman den Liebhaber, die Mutter und den Detektiv spielt.

Sherman stellte diese Bildgeschichten im Kunstraum Hallwalls aus, der von ihrem damaligen Freund Robert Longo mitgegründet wurde. Die Medien- und Genderkünstlerin der 80er-Jahre wird so in die selbstorganisierte Performance- und Offspaceszene der 70er-Jahre eingebettet. Die Vertikale Galerie in der Verbund-Zentrale ist wohl der einzige Museumsraum, in dem die heiklen Papierarbeiten einer Weltklassekünstlerin Sonnenlicht und Kantinendampf ausgesetzt sind. Zugänglich ist die Schau jeden Mittwoch ab 18 Uhr bei freiem Eintritt. MD

Verbund Wien, Vertikale Galerie, bis 16.5.


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