Film  Neu im Kino

Stummfilm, aber laut und retro: "The Artist“

Lexikon | aus FALTER 05/12 vom 01.02.2012

Wir schreiben Hollywood 1927. Alternder Stummfilmheld erlebt jähen Abstieg; junges Starlet, offenherzig gegenüber dem aufkommenden Tonfilm, steigt allmählich auf. Beide grinsen: sie vor Elan, er zunächst in draufgängerischem Stolz. Der wird sein Verhängnis: Er verweigert Sprechrollen, fällt in Suff, Armut, Depression. Kann das Herz der jungen Kollegin ihn retten?

Die Rise-and-Fall-Parallelstory wäre nicht der Rede wert, käme sie nicht ohne Rede aus. "The Artist“ spielt nicht nur im Übergang zum Tonfilm, sondern ist selbst ein - nein, kein Tonfilm, sondern ein Stummfilm. Mit Zwischentiteln, in Schwarz-Weiß. Abbildung des Inhalts in der Form: Das gilt hier auch für die Selbstüberschätzung des Helden, der artist sein will. Inszeniert vom Franzosen Michel Hazanavicius (mit dem Cast seiner regional erfolgreichen "OSS“-Agentenparodien: Jean Dujardin, Bérénice Bejo), versprüht "The Artist“ Gesten des back to the roots, die ankommen: Cannes und die Golden Globes vergaben Awards, Kritiken künden von wiedergefundener Liebe zur Essenz des Kinos. Ist "The Artist“ also vorwiegend kultursoziologisch interessant, als Geschmacksdistinktionsvehikel für den Feinspitz in uns?

Der Film bietet Beglückungen, die an Belästigung grenzen: Gags mit Hunderl, grinsender Charme bis zum Abwinken, plärrende Musik, die sich im Ton vergreift, indem sie sich in "Vertigo“ vertieft, in den Score zu Hitchcocks Ichspaltungsklassiker. Andererseits sind da gediegene klassizistische Bildregie und Dekors, hübsche Frackpantomime und Ton-Albträume, John Goodman als Studioboss, ein starkes Finale mit Step. Am Ende der einzige Sprechton: "Can you do one more?“ Da kommt noch mehr! Stummfilm - der neue Hype: Angeblich wird "Avatar 2“ ohne Ton und in Blau-Weiß gedreht. DREHLI ROBNIK

Derzeit in den Kinos


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige