Tschechow auf Besuch in Oberzeiring

Lexikon | aus FALTER 05/12 vom 01.02.2012

Dramatisch hochprozentiges "Onkel-Wanja“-Destillat

Das Theo Theater Oberzeiring ist so etwas wie ein Stadttheater am Lande. Ein guter Ort also, für "Onkel Wanja“, weil Peter Fasshuber, der Impresario des Hauses, als großer Fan der russischen Dramatik gilt. Genau das aber ist auf den ersten Blick dem Abend kaum anzumerken. Das berühmte Stück wird auf sein dramaturgisches Skelett reduziert, das eine Komödienhandlung vorgibt (Tschechow verwertet hier Versatzstücke eines Versuchs im komischen Fach), die bald in der Trostlosigkeit der russischen Provinz versickert. In "Onkel Wanja“ werden die flott übereinander geschichteten Dreiecksbeziehungen nicht aufgelöst, statt eines Happy Ends folgt die Depression der unerfüllten Sehnsucht. Na sdarowje Nestroy! In Fasshubers Regie werden die Leerstellen, die nach radikalen Strichen klaffen, mit zeitgenössischer Komik gefüllt, mit seicht-fröhlichen Songs von Udo Jürgens & Co und anderen Zitaten aus der Spaßkulturecke. Fasshuber führt den Stoff damit zurück zu seinem komödiantischen Ursprung und erhöht so die Fallhöhe: vom Lachen zur Langweile, vom Witz zum Weinen. Das bewundernswerte Ensemble spielt Tschechow pur, während die Regie locker flockige Unterhaltung auf ihr Depressionspotenzial testet. Ein erstaunlicher Abend. HG

Theo, Oberzeiring, Fr 20.00


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