Kritik

Masturbierende Krokodils-köpfe in Formaldehyd

Lexikon | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

Der Künstler Jan Švankmajer (78) gehört zur dritten Generation der tschechischen Surrealisten, seine Animationsfilme waren letzten September in der Kunsthalle Wien zu sehen. In der Kerstin Engholm Galerie sind nun Objekte und Papierarbeiten ausgestellt, die den Künstler auf den Spuren von Max Ernst zeigen. Die aus Krokodilsköpfen, Eiern und Knochen montierten, bizarren Tierwesen erinnern an die bereits von der ersten Generation der Surrealisten bewunderten Objekte barocker Kunst- und Wunderkammern. Auch in den Papierarbeiten hält sich der Künstler an die Vorlagen. Er schnitt Illustrationen aus alten Zeitschriften und Lexika aus. Die "Masturbationsmaschine“ (1972-73) ist eine Bildcollage aus einer hydraulischen Maschine, einem Phallus und mehreren Schweinen. Auf ironische Weise interpretiert Švankmajer so den surrealistischen Blick auf die Dingwelt, die von einem unheimlichen, sexuellen Begehren animiert ist.

Mark Dion (51), New Yorker Künstler, wird der Kunstrichtung der "Institutional Critique“ zugeordnet. Sein Thema sind die Displays naturkundlicher Museen. Merkwürdige Organismen ruhen in seiner neuen Ausstellung in mit Formaldehyd gefüllten Gläsern ("Octagon Cabinet“, 2012, gemeinsam mit Dana Sherwood). Eine Möbelgruppe stellt den Arbeitsplatz eines Naturforschers nach, der in den Tropen Aquarelle malt, Sonnenschirm inklusive. In einer altertümlichen Holzvitrine sind Torten ausgestellt, die der Pâtissier mit Insekten verzierte. Wie Švankmajer verleiht Dion den Objekten eine unheimliche Aura. Als wäre ein Laborversuch schiefgelaufen, thront ein Riesenkäfer auf einer gefesselten Riesenratte. Ein entblätterter Baum mit Vögeln wirkt wie von einer Ölpest zerstört. Die zweite Generation Institutionskritik zeigt sich hier als vierte Generation Surrealismus. MD

Kerstin Engholm Galerie, bis 10.3.;

Georg Kargl, bis 10.3.


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