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Gestickte Freiheit, leidender Filz

Lexikon | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

Als das Migros Museum für Gegenwartskunst 1996 in Zürich gegründet wurde, brachte es den Zeitgeist der Dotcom-Ära zum Ausdruck. Künstler luden zu gemeinsamem Teetrinken und Lesen ein, DJs packten ihre Platten aus. Aus den benachbarten Galerien und Agenturen auf dem Gelände einer ehemaligen Brauerei kamen kunstaffine, hippe Menschen zu den Crossoverpartys. Von dieser Stimmung ist im Gastspiel des Migros Museums in der Kunsthalle Krems unter dem Titel "Zeit zu Handeln“ nichts zu spüren.

Vielmehr liegt hier jener Schleier des Leidens am Lauf der Dinge über den Werken, der für die Biennalen und Manifestas des letzten Jahrzehnts kennzeichnend war. Josephine Meckseper baute das Modell einer Ölpumpe ("Untitled“, 2009), die sich unschwer als Ursache geopolitischer Schweinereien erkennen lässt. Von Phil Collins ("LA Protest“, 2000-2002) ist eine Fotoserie zu sehen, die politische Aktivisten von Nordirland bis Los Angeles dokumentiert.

Maurizio Cattelans "La rivoluzione siamo noi“ (2000) zeigt einen Doppelgänger des Künstlers in Form einer Puppe. Die in einen Filzanzug à la Joseph Beuys gekleidete Figur hängt - wie ein erlegtes Tier - an einem Garderobehaken. Es ist ein satirisches Bild für den gesellschaftlichen Optimismus der 70er-Jahre. Mit Gilbert & George, Lothar Baumgarten und Alighiero Boetti bekommt die globalisierungskritische Gegenwart eine historische Grundierung.

Boetti reiste in den 70er-Jahren nach Afghanistan und ließ dort von Handwerkern Weltkarten sticken, als Gemeinschaftswerk zwischen Künstlern und Handwerkern, Westen und Orient. Sentimental blickt der Besucher auf Boettis "Mappa“ von 1983, als die Weltordnung des Kalten Krieges noch solch romantische Systemsprünge zuließ. MD

Kunsthalle Krems, bis 19.2.


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