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Ein Hammer

Falter & Meinung | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

2011 starb Dieter Schrage, sozialdemokratisches, später grünes Urgestein. Der Herzensanarchist war stets für unkonventionelle Blickwinkel gut. 1992 plädierte er im Falter dafür, das Museumsquartier nicht im siebenten Bezirk anzusiedeln, sondern an ganz anderer Stelle. Wien sei als Kaiserstadt monozentristisch angelegt; erst sozialdemokratische Stadtplaner wie der 1985 zu früh verstorbene Wilhelm Kainrath hätte dem Monozentrismus ein polyzentristisches Wien-Bild entgegengesetzt.

Schrage schrieb: "Auf dem jetzigen Messepalast-Standort ist das Vorhaben nur eine Fortführung der monozentristischen, dem Geist des Feudalismus entsprechenden Stadtstruktur, eine erzkonservative Lösung (…). Ich lehne das Ortner-&-Ortner-Projekt nicht als Architektur, sondern aus städtebaulichen und kulturpolitischen Gründen ab. Die von den heutigen Betreibern propagierte Vorstellung, man/frau könnte aus der monarchistischen Hofburg über das imperiale Semper-Forum des 19. Jahrhunderts in das, Museumsquartier der Republik‘ gelangen, und so würde hier die Entwicklung vom absolutistischen Staat zur Demokratie symbolisiert, ist eine Scheinlösung.

In Wien leben etwa 225.000 Menschen, das entspricht fast der Einwohnerzahl von Graz, in einer kulturpolitischen Steppe. Die Chance, mit einem großangelegten Museums-, Veranstaltungs- und Medienzentrum der kulturellen Diskriminierung Transdanubiens mit einem beherzten Schritt entgegenzuwirken, wird wohl erst neu bedacht werden, wenn der - auf verschiedenen Ebenen, auch in der Bezirksvertretung des siebenten Bezirks vorhandene - Widerstand anwächst. (…)

Ein gemeinsames Museum moderner Kunst auf der transdanubischen Gstettn müsste verhungern. Überlebensfähig ist für mich nur die ganz große und kulturell komplexe Lösung - unter Einbeziehung von Unterhaltung, Alltagskultur und neuen Partizipationsinitiativen. Wenn schon, dann muss es für jenseits der Donau auch einen wirklichen kulturellen, Hammer‘ geben, attraktiv, urban und kunstpolitisch innovativ.“ aT


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