Nachgetragen  Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Bock in der Schule: Zum Glück habe ich keine Familie und Freunde

Politik | Wolfgang Zwander | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

Es ist wie ein Heimspiel. Die Flüchtlingshelferin Ute Bock sitzt in der Bibliothek der Handelsakademie 10 in Wien-Favoriten, um mit den Schülern über "Ausländer“ zu diskutieren. Als ein Lehrer die rund 250 Halbwüchsigen fragt, wer von ihnen einen Migrationshintergrund habe, da heben gefühlte 80 Prozent die Hand. Alle lachen. Der Lehrer fragt, ob es Probleme zwischen den ethnischen Gruppen gebe; die Schüler sagen, für eine ehrliche Antwort müsse er den Raum verlassen.

Weil Ute Bock das ist, was man in Wien eine "leiwande Oide“ nennen kann, nimmt die Diskussion schnell an Fahrt auf. Die Schüler wollen wissen, warum sie ihr ganzes Leben in den Dienst der Schwachen stelle. Bock erwidert ruhig: "Was soll ich machen, ich kann die obdachlosen Ausländer ja nicht durch den Rost fallen lassen.“

Die saloppe Authentizität, mit der sie solche Sätze sagt, zieht die Schüler schnell in ihren Bann. Die Jungen werden neugierig: Wie viel muss Bock arbeiten? Was ist der Preis für ihr Engagement? "Ich arbeite jeden Tag 18 Stunden. Zum Glück habe ich keine Familie und Freunde“, sagt die Flüchtlingshelferin. Den Halbwüchsigen bleibt der Mund offen, Bock aber sagt: "So ist das halt. Gibt es keine Fragen mehr?“


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