Enthusiasmuskolumne  Die beste Buchausstellung der Welt der Woche

Als Monroe Reinhardts Regiebücher kaufte

Feuilleton | Armin Thurnher | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

Bücher bestehen aus Schrift, und sie werden wieder beschriftet von denen, die sie lesen. Eine Ausstellung in der Wienbibliothek zeigt die verschiedensten Arten von Lesespuren. Es beginnt bei einem spätmittelalterlichen Druck, in dem eine hineingekritzelte kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger eine wichtige Stelle markiert. Und es endet beim Schriftsteller Helmut Eisendle, der mittels Korrekturlack aus dem Titel der Anthologie "Hundert österreichische Autoren“ bissig "Hunde Autoren“ macht.

Marcel Atze, Leiter der Handschriftenabteilung in der Wienbibliothek, rückt die bisher im Bibliothekswesen unterrepräsentierte Kunst der Buchbeschriftung in ganz neues Licht. Buchstäblich. Die Ausstellung ist eine Augenweide. Ein langer, schmaler Raum, Vitrinen links und rechts, in denen die Bücher zu schweben scheinen wie ein im Flug erstarrtes, in Formation fliegendes Geschwader von Faltern. Der Effekt entsteht durch eigens entworfene Buchwiegen aus Plexiglas. Die gedämpfte Beleuchtung verleiht dem Raumbild eine gewisse Weihe; dem Buch nähert man sich kontemplativ.

Für Unterhaltung ist dennoch gesorgt. Sei es Grillparzers Anmerkung zu Hegels Phänomenologie des Geistes ("Taschenspielerei“), seien es die akribischen Korrekturen des Karl Kraus, die den Setzer zum Wahnsinn trieben, die Verbesserungen Gustav Mahlers in der Partitur von Beethovens 9. Symphonie oder die Anekdote jener jungen Schauspielerin, die in Hollywood zum Entsetzen der europäischen Max-Reinhardt-Verwandtschaft dessen üppig beschriftete Regiebücher im Konvolut ersteigerte - für Gottfried, den Sohn von Max. Die Dame hieß Marilyn Monroe.

Ein feiner Katalog erweitert das Thema über die Ausstellung hinaus. Führungen auf Anfrage in der Wienbibliothek. Bis 29.2.


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