Stadtrand Urbanismuskolumne

Es lebe die Großstadt und olle ihre Totn

Stadtleben | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

Großstädte haben es an sich, dass man selten mehr als einen Nachbarn kennt. Die Anonymität der Stadt wird vielfach lobend erwähnt. Weil man unbehelligt leben kann. Keiner, der blöde Fragen stellt. Keiner, der sich um Sachen schert, die ihn nichts angehen. Kinder werden missbraucht, aber keiner merkt es; es werden Frauen erschlagen, bloß will niemand je Schreie gehört haben. Eine ganz normale Ehe sei es gewesen. Vor allem aber vegetieren ungezählte alte Menschen hinter verschlossenen Türen vor sich hin. Zwar sieht man sie regelmäßig, wie sie sich mit dem Einkauf abmühen, aber helfend zupacken tut trotzdem keiner: "Die haben ja eh den ganzen Tag Zeit.“ Nicht selten, dass so ein alter Mensch stürzt. Das Postfach quillt bereits über, aber den Briefträger, den kümmert das wenig. Auch die Reklame türmt sich vor der Tür. Da schimpft maximal die Hausmeisterin, weil es so "ausschaut“. Irgendwann regt sich dann aber einer auf. Des Gestankes wegen. Und am Ende klebt dann ein Partezettel im Stiegenhaus. Bei der Hausbesorgerin könne man für den Kranz spenden. Anonym.


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