Selbstversuch

Das Schweigen des Rufus Beck

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 06/12 vom 08.02.2012

Und jetzt: keine maulenden Kinder, keine Vorwürfe, keine Unordnung, die man bekeppeln muss. Nur Ruhe und Zeit, ungestört zu arbeiten, weil die Kinder die Ferien mit Oma bei ihren Cousins am Bauernhof verbringen. Und, gefällt es mir? Nein, es gefällt mir nicht. Ich mag es nicht. Die Zusammensetzung der Luft in der Wohnung ist falsch, es fehlt etwas in ihrer Chemie. Ich gehe durch die Wohnung, ohne mich im Flur in einer Kinderstrumpfhose zu verheddern; es ist zu ordentlich. Und es ist zu still, die Stille ist ohrenbetäubend. Ich höre: nichts. Kein Getrappel, kein Gekicher, kein Türenknallen, kein Gekreisch, keinen Rufus Beck. Nur: nichts.

Ich bin versucht, ins Zimmer der Kinder zu gehen und eine der Harry-Potter-CDs einzulegen, um wenigstens eine Spur des Soundtracks of Our Life zu hören und so etwas wie Normalität zu simulieren, weil bei uns ein Leben ohne das Gemurmel von Rufus Beck, versetzt mit dem leisen Quietschen von Hängematten und Filzstiften auf Papier, seit Anfang Dezember undenkbar ist. Der Lange sagt, Rufus Beck macht ihn langsam wahnsinnig, permanent dieser gschissene Rufus Beck, aber mir fehlt er jetzt. Das Schweigen des Rufus Beck macht mir bewusst, dass die Kinder nicht da sind.

Ein Zustand, den ich selbstverständlich mit voller Absicht hergestellt habe. Ich habe gesagt: Ich muss endlich schreiben, ich brauche dringend ein paar Tage, in denen ich völlig ungestört und bis in die Nacht hinein in Ruhe schreiben kann. Ihr fahrt zu euren Cousins aufs Land und habt Spaß; ich schreibe. Ich habe alles gepackt, der Lange hat die Kinder ins Auto gesetzt und ist losgefahren.

Eine halbe Stunde später, als ich gerade beschlossen hatte, dass es mehr als früh genug ist, wenn ich in zwei Stunden mit dem Schreiben beginne, rief der Lange an und sagte, ich solle gefälligst den ÖAMTC alarmieren, sie liegen bei Pressbaum auf der Autobahn. Ich fand, dass er mit dem Handy, mit dem er mich anruft, eigentlich auch den ÖAMTC anrufen könnte, aber eh: Endlich passiert einmal etwas Aufregendes, und die arme Mutter ganz allein daheim, die soll auch etwas davon haben. Das ist nett, danke! Ich hängte mich in die Warteschleife. Nach 20 Minuten bekam ich eine Mitarbeiterin ans Ohr und von dieser die durchaus vernünftige Frage gestellt, warum der Gatte denn nicht selber anrufe. Ich sagte: Äh, es ist ein Mann? No further questions.

Sie wurden dann abgeschleppt und schafften es aufs Land. Ich schrieb nichts. Am nächsten Tag räumte ich die Wohnung picobello auf, bügelte die Bettwäsche und schrieb nichts. Am übernächsten Tag verschaffte ich mir im Netz einen Überblick über gebrauchte Volvo-Kombis, sortierte das zu kleine Kindergewand aus, ölte und polierte die Küchenarbeitsplatte und schrieb nichts. Es ist zu ruhig. Die Ruhe macht mich verrückt, so kann ich nicht schreiben, wirklich nicht.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige