Kunst Kritik

Durch Thebens wilde Schluchten

Lexikon | aus FALTER 07/12 vom 15.02.2012

Beim Umbau der Akademie der bildenden Künste zum Ausstellungszentrum kam das Kupferstichkabinett zu kurz. Anders als angekündigt, war kein Platz für Präsentationen der wertvollen grafischen Sammlung. Nun gewährt eine Ausstellung Einblick in einen der verborgenen Schätze. Es handelt sich um eine Serie von Aquarellen des Akademieaabsolventen Norbert Bittner (1786-1851), deren Thema eine imaginäre Reise durch Ägypten ist. Sie entstand im Auftrag des Geologen und Mineralogen Gregor Graf Rasumofsky und gelten als frühes Zeugnis der Ägyptomanie, die das ganze 19. Jahrhundert hindurch anhielt. Die Aufarbeitung des Konvoluts besorgte die Kunsthistorikerin Lisa Schwarzmeier. Gemeinsam mit dem Ägyptologen Ernst Czerny rekonstruierte sie die Quellen von Bittners Fantasien. Als Vorlage verwendete er hauptsächlich die "Description de l‘Égypte“ (1808-1828), ein auf den Ägyptenfeldzug Napoleons zurückgehendes Werk. In 3000 Stichen wurden die antiken Monumente und exotischen Pflanzen und Tiere dokumentiert.

In der Gegenüberstellung mit den eher technischen Abbildungen des französischen Vorbilds wird Bittners künstlerischer Eingriff deutlich. Der am Theater als Dokumentarist von Bühnenentwürfen tätige Künstler verwendete Gegenlichteffekte, um die Statuen monumental wirken zu lassen. Sie wirken wie auf ein Podium gestellt. Die orientalische Fremdheit rückte er näher, indem er alpine Wolkenstimmungen über die Grabmäler von Theben platzierte. Die gewünschte Exotik erzeugt er durch Fantasiepflanzen und mediterrane Pinien. Im Vordergrund erinnern französische Soldaten an den Ursprung der Bilder. Die Schau veranschaulicht ein wichtiges Kapitel des Imperialismus - die Inbesitznahme des Imaginären durch die Kontrolle über die mediale Bildproduktion. MD

Akademie d. b. Künste, Xhibit, bis 26.2.


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