Das Mezzanin- Theater präsentierte eine Neudeutung des "Struwwelpeter“

Steiermark : Programm | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 07/12 vom 15.02.2012

Dem Daumenlutscher schneidet der Schneider die Daumen ab, der Suppenkaspar verhungert innerhalb weniger Tage und aufs Zündeln folgt der Feuertod. Die vom Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann Mitte des 19. Jahrhunderts für sein Kinderbuch "Sruwwelpeter“ erdachten Geschichten sind aufgrund der Brutalität ihrer Pädagogik aus der Mode gekommen. Dabei schreibt Hoffmann über zeitgemäße Probleme wie Magersucht, Rassismus oder Hyperaktivität. Anders als der große Ironiker Wilhelm Busch steht er dabei aber stramm aufseiten der Moral. Diese Eindeutigkeit haben Regisseur Hanspeter Horner und das Mezzanintheater in ihrem gemeinsam mit dem integrativen Theater KumEina umgesetzten Crossoverprojekt aufgebrochen. Für "Das Prinzip Struwwelpeter“ tritt der Daumenabschneider als Doktor im weißen Kittel auf (Mario Garzaner), der eigentlich lieber Liebe mit der Schwester (Verna Kiegerl) macht, als Amputationen vorzunehmen. Der Zappel-Philipp (Anton Berman) tobt als Beatbox-inspirierter Performer über die Bühne und der Suppenkaspar wird von Yukie Koji und Erwin Slepcevic getanzt. Co-Regisseurin Martina Kolbinger-Reiner gibt eine Raumpflegerin, die ihren Putzwagen und das Publikum redselig durch den Abend führt. Sie vertritt die kleinbürgerliche Affinität zum Vorurteil und damit irgendwie auch die Spätfolgen Hoffmann’scher Erziehungsmethoden. Gekonnt werden beeindruckenden Einzelleistungen zu einem bunten Ganzen montiert. Das Prinzip heiß hier kreativer Regelverstoß, das ist inhaltlich wenig überraschend, formal dafür aber umso aufregender. F

Weitere Vorstellungen sind in Planung


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