Meinesgleichen

Erinnerung an Christian Ide Hintze

Falter & Meinung | aus FALTER 07/12 vom 15.02.2012

Vor zwei Wochen rief er mich an. Ob ich ihm zwei Artikel schicken könnte, die ich 1977 über ihn geschrieben hatte. Er war, gleich fiel es mir ein, Thema meiner ersten großen Falter-Reportage gewesen, über Plakate in der Stadt. Er hatte gerade eine Strafe wegen Wildplakatierens erhalten; das Plakat hatte er mit einem Literaturstipendium finanziert. Damals war er in Wien (und in Europa) vor allem als Zettelverteiler auffällig geworden. 800.000 literarische Zettel habe er bis dato verteilt, sagte er im Juli 1977, 300.000 davon in Wien. Er wurde festgenommen, da er dazu keine Bewilligung hatte, hielt jedoch fest: "Solange kein einziger meiner Leser Grund zum Einschreiten findet, werde ich das Einschreiten von bloß behördlichen Lesern nicht dulden.“

Hintze war von Anfang an widersetzlich, wie das inflationäre Wort lautet. Und er war ein Reisender. Auf seinen Reisen durch die Welt erhielt er die Inspiration zur Gründung der Schule für Dichtung (1992). Auf seinen Reisen traf er Dichterinnen und Dichter, die er an seine Schule holte, Anne Waldman, H.C. Artmann, Allen Ginsberg.

Hintze war, anders als manche Widersetzlichen, ein unaufdringlicher Mensch. Und ein großzügiger. Als er eine Bibliothek geerbt hatte, gestattete er einer Freundin, sich ein Buch zu nehmen. Sie wählte die Erstausgabe von Musils "Mann ohne Eigenschaften“. Hintze lächelte und signierte das Buch. Vergangenen Montag erreichte uns die Nachricht, Hintze sei im Alter von 58 Jahren gestorben.


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