Enthusiasmuskolumne  

Die beste Kunstinstallation im öffentlichen Raum der Welt der Woche

Feuilleton | Armin Thurnher | aus FALTER 07/12 vom 15.02.2012

Der Hausmeister als Kunststratege

Schnee auf Gehwegen kann in Gebieten, in denen mehr als drei Menschen wohnen, aus Haftungsgründen nicht mehr geduldet werden. Die Natur ist gefährlich, wir müssen sie bekämpfen, wo immer wir auf sie treffen. Für uns kämpft der Hausmeister. Trotz einer Volksbefragung, die seine Wiedereinführung befürwortete, gehört er zu den aussterbenden Arten und wird durch Hausbetreuer, meist durch Firmen, ersetzt. Bei Schneefall aber zeigt er, dass er noch da ist.

Im Winter schlägt seine Stunde. Er hat den Gehsteig vom Schnee zu säubern, und nun beweist er, was er kann. Indem er Salz streut, Schnee schippt oder auch nur Streusplitt ausbringt, verwandelt er die Gehsteige der Stadt in ein riesiges Projekt anonymer Kunst im öffentlichen Raum.

Gänzlich unsubventioniert von Institutionen wie KÖR oder Wienwoche, bringt der Hausmeister mittels Salzkristallen auf dunklen Gehsteigen weiße, wolkige Umrisse und rätselhafte Formen zum Leuchten, geometrische Strukturen, die aussehen wie Landkarten noch nie durchgeführter Expeditionen oder Nachbilder vor vielen Wintern geträumter Träume. Zu Hause funkeln sie als Salzrand am Schuh des Betrachters nach. Gleich neben den Salzwolken schafft der Hausmeister Materialassemblagen aus Eis und Schlamm. Ehe wir sie durchstapft haben, werden wir der akustischen Installation gewahr, die er und seinesgleichen durch Streuen von Split schaffen: Das Kratzen und Schaben in den Fußgängerzonen eröffnet unerhörte, fein differenzierte Klangwelten.

Dazu das Klopfen und Scharren orange gekleideter Schneeschaufler - der Winter in Wien ist ein ästhetisches Paradies, ein Fanal öffentlicher Volkskunst. Wer wollte da noch von Idyllen wie knirschendem Schnee und stillen, durch Schneepolster betonten Fassadenstrukturen träumen?


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