Wenn sie nur heimgehen könnten!

Feuilleton | Theaterkritik: Wolfgang Kralicek | aus FALTER 07/12 vom 15.02.2012

Spaß für Masochisten: Martin Wuttke stellt sich mit dem Buñuel-Abend "Nach der Oper. Würgeengel“ als Regisseur vor

W enn Schauspieler Regie führen, kommt dabei oft Theater ohne Regie heraus. Bei einem Extremspieler wie Martin Wuttke war so etwas nicht zu befürchten.

Seine erste Wiener Regiearbeit "Nach der Oper. Würgeengel“, eine Bühnenversion von Luis Buñuels surrealistischem Filmklassiker "Der Würgeengel“ (1962), sprengt schon personell den Rahmen; auf der Bühne des Kasinos sind 18 - zum Teil stark unterforderte - Schauspieler, vier Opernsänger sowie ein zehnköpfiges Kammerorchester im Einsatz.

Auch inhaltlich hat sich Wuttke viel vorgenommen. In Buñuels rätselhafter Parabel trifft sich eine Gesellschaft nach einer Opernvorstellung in einer mondänen Villa zum Souper - und sieht sich in den nächsten Tagen aus unerfindlichen Gründen außer Stande, den Salon wieder zu verlassen.

In seiner "masochistischen Komödie“ legt Wuttke den Schauspielern Texte von Philosophen und Literaten (Nancy, Žižek, Houellebecq u.a.) in den Mund; auch werden ganze Arien aus Wagners "Tristan und Isolde“ und Schönbergs "Erwartung“ gesungen.

Bestimmt hat all das erstens miteinander und zweitens auch mit Buñuel zu tun, aber der beinahe drei pausenlose Stunden lange Abend ist so humorlos und unmusikalisch inszeniert, dass man schnell die Lust verliert, sich darin zu vertiefen. Man merkt der Inszenierung an, dass Wuttke mit Christoph Schlingensief und René Pollesch gearbeitet hat. Aber irgendwas hat er da offenbar falsch verstanden.

Einige Besucher verlassen vor dem Ende das Kasino. In einer guten "Würgeengel“-Inszenierung wäre das schlicht unmöglich.


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