Selbstversuch

Ich geh dann mal schmollen

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 07/12 vom 15.02.2012

Jetzt sind die Mimis endlich wieder da, und ich kann trotzdem nicht schreiben. Jetzt bin ich müde: vom Ausgehen, vom Protestsongcontest, vom Schlechtschlafen, vom Nikotinentzug und vom Schreiben, denn selbstverständlich war die letzte Kolumne weitgehend gelogen. Die Harry-Potter-Sache war allerdings wahr.

Der Lange hat nun, wo die Kinder wieder da sind, ein Machtwort gesprochen: Harry-Potter-CD-Verbot, die ganze Woche lang. Überhaupt CD-Verbot! Zeitigte natürlich Gemaule galore. Warum?!?!?

Weil die Mimis jetzt überhaupt nicht mehr lesen. Nicht nur das Mimi, das eh nicht liest, sondern auch das, das liest: Keins liest mehr, es wird nur noch gehorcht. Der Lange will mit mangelökonomischen Maßnahmen nun den Griff zum guten Kinderbuch erleichtern und erzielte, während ich beim Protestsongcontest jurierte, einen ersten Teilerfolg. Denn ein Mimi kam noch selbigen Abends mit der frohen Botschaft an, es habe gerade 36 Seiten eines Buches gelesen.

Schön, sagte der Lange.

Er könne die Sanktionen nun also aufheben, sagte das Mimi.

Träum weiter, sagte der Lange.

Du bist richtig blöd, sagte das Mimi.

Das kommt davon, dass ich immer Harry Potter hören muss, sagte der Lange.

Ich geh dann mal schmollen, sagte das Mimi.

Ist gut, sagte der Lange.

Inzwischen versuchte ich, beim Protestsongcontest all das anzuwenden, was ich während des Finales von "Voice of Germany“ von den Profis gelernt habe. Speziell von Nena, leider kann ich in einem ganzen Leben nicht so viel kiffen, dass ich auch nur halb so draufkäme wie die, ey. Ungeachtet dessen fand ich das Bemühen der Protestsongcontestjury, möglichst freundlich und ermutigend zu sein, heuer schon beinahe anbiedernd, und danach tranken wir noch einen zusammen und einigten uns darauf, dass wir das diesmal doch sehr milde, ja buddhistisch hingebogen hätten, um nicht zu sagen: baatzwaach. Ich verabschiedete mich von Stermann und den anderen Jurorinnen und rief ein Taxi. Als ich den Rabenhof verließ, stellte mich auf der Treppe ein blondes deutsches Mädchen und meinte in strengem Ton, ich sei doch auch in der Jury gesessen, oder?

Ja.

Das Mädchen sagte, dann müsse sie mir etwas sagen, sie habe uns richtig übel gefunden. Was wir da alles gesagt hätten, sei wirklich gemein, respektlos, bösartig und, ja, menschenverachtend gewesen. Richtig letztklassig, das wolle sie mir noch sagen, sagte sie, und sie meine jetzt nicht nur mich, sondern die gesamte Jury, sie sage mir das quasi stellvertretend.

Ich nahm das höflich dankend zur Kenntnis, war aber nicht unglücklich über den Umstand, dass am Straßenrand schon mein Taxi wartete. So kann man sich täuschen, was. Ich lehnte mich zurück, setzte den Kopfhörer auf und ließ den Lion roaren.


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