Vor 20 Jahren im Falter  Wie wir wurden, was wir waren

Kein Boulevard

Falter & Meinung | aus FALTER 08/12 vom 22.02.2012

Immer wieder spannend: welche Wörter vor 20 Jahren Konjunktur hatten. Über die Unschuldsvermutung stand beispielsweise Folgendes zu lesen: "Die Unschuldsvermutung ist der Meinungsfreiheit verwandt. Diese ist nur etwas wert, wo es um die Freiheit der Andersdenkenden geht, jene zählt nur, wo aufgrund der Indizien und der Gefühlslage Schuld zu vermuten ist.“ Grasser hatte damals noch nicht einmal Bekanntschaft mit Jörg Haider geschlossen, Meischberger war Generalsekretär der FPÖ und das Unternehmen Plech & Plech existierte schon seit 21 Jahren.

Der Falter aber meinte den Fall Jack Unterweger. Dieser Literat und Mörder, der sich einem gerichtlichen Schuldspruch durch Selbstmord entzog, wurde gerade in einem Kulturkampf missbraucht, nämlich von der Presse gegen einen "halluzinierten, längst nicht mehr existenten sozialpolitisch motivierten Kulturbegriff der Sozialdemokratie“.

Was es heute wie vor 20 Jahren gibt: das Spitalsproblem. Falter-Kritiker Werner Vogt und der zuständige Stadtrat Sepp Rieder (SPÖ) prallten in einem Streitgespräch aufeinander. Vogt hielt Rieder vor, dass Menschen "eineinhalb Jahre auf eine Hüftoperation warten müssen … Die sagen:, Jetzt habe ich mein ganzes Leben eingezahlt und jetzt muss ich warten.‘ Die empfinden es als ungerecht, dass alle, die Geld haben, vorher drankommen, auch bei der Gemeinde Wien.“ Rieder nannte das eine schlimme Behauptung, forderte Beweise und versprach, die Sache zu prüfen. Heute sind solche Missstände gewiss abgeschafft! (Ich würde sicherheitshalber privat bezahlen, um schneller dranzukommen.)

Zweifellos noch immer existiert die Holzbauer-City, in der Lasallestraße in Wien erbaut vom Architekten Wilhelm Holzbauer. Deren Charakteristik Jan Tabors im Falter hat sich leider in 20 Jahren als allzu haltbar erwiesen: Es handle sich beim IBM-Gebäude "nicht um das Initialgebäude eines zukünftigen großstädtischen Boulevards“, sondern um "routinierte, mitunter hohle Monumentalität“. Die Lasallestraße ist immer noch kein Boulevard. AT


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