Kommentar  Die guten Sitten

Es gilt die Vollkoffer- oder Falottenvermutung

Falter & Meinung | Klaus Nüchtern | aus FALTER 08/12 vom 22.02.2012

Der liebe Gott hat, so könnte man den schönen alten Anti-Nazi-Witz variieren, dem Menschen Anstand, Intelligenz und den Lobbyismus geschenkt, aber leider verfügt, dass man sich davon nur zwei aussuchen darf - mit der arithmetisch leicht durchzuspielenden Konsequenz. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht die Unschuldsvermutung über einen (es sind fast nur Männer) verhängt wird, von dem man annimmt, dass er sein Eigeninteresse himmelhoch über das öffentliche gestellt hat.

So dreist, sich auf Bernard Mandevilles berüchtigte "Bienenfabel“ zu berufen, derzufolge private Laster öffentliche Vorteile verursachen, sind die Betroffenen nicht. Ihre Chuzpe ist dennoch atemberaubend. So hat etwa der Knall auf Fall zum Anti-Materialisten konvertierte Peter Hochegger - der, sollte er auf freiem Fuß bleiben (e.g.d.Uv.), demnächst wohl geführte Jakobswegbegehungen anbieten wird - der Politik geraten, stärker auf Transparenz und Kontrolle zu achten.

Hochegger ist ein drolliges Kerlchen und hat eingestanden, "aus moralischer Sicht“ nicht immer richtig gehandelt zu haben. Moral geht ihn wenig an, er ist den Interessen seiner Auftraggeber und nicht jenen der res publica verpflichtet. Sehr im Unterschied zur Politik. Von deren Vertretern darf, nein, muss man - aller das Gegenteil bekundenden Evidenz zum Trotz - verlangen, dass sie so anständig und intelligent sind, sich nicht en passant größere Geldsummen in die Taschen stopfen zu lassen, deren Zweck un- oder nur allzu klar ist. Wer sich erst post flagranti nach seiner Leistung erkundigt, für den gilt die Vollkoffer- oder Falottenvermutung. Solche Leute haben in der Politik nichts verloren und sollen eine Consulting-Firma gründen.


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