Selbstversuch

Ich weiß, wie ein Turkey ausschaut, danke

Kolumnen | Doris Knecht   | aus FALTER 08/12 vom 22.02.2012

Bitte, ich habe jetzt ein Arbeitszimmer. Vier Wochen lang. Das Arbeitszimmer hat vier Wände, zwei Fenster mit Himmelblick, eine Tür, einen grauen Teppich, einen Rollcontainer, einen Tisch, einen Laptop und sonst nichts. NICHTS. Und nichts ist inspirierender als nichts, jedenfalls für Ablenkungsjunkies wie mich. Das Zimmer befindet sich in einer Büroetage, die aussieht, als sei sie von Investmentbankern fluchtartig verlassen worden; zurück blieben nur ein paar Ruinen von Arbeitsmöbeln und irgendwelche merkwürdigen elektronischen Kisten, deren Zweck sich weder mir erschließt noch den beiden Künstlern, die die Etage nun als Atelier verwenden und mir in einer ungenutzten Kammer vorübergehendes Schreibasyl bieten. Und nichts. Danke. Dankedankedanke!

Der Plan ist, dort ab morgen einen Monat lang täglich von früh bis spät zu schreiben: konzentriert und inspiriert, unabgelenkt von auszuräumenden Waschmaschinen und dreckigem Geschirr, ununterbrochen von Erwerbsarbeit und Erwerbsarbeitern, unbeeinträchtigt von quengelnden Mimis, die mich mit mich überfordernden Volksschulrechenaufgaben demütigen oder wegen Harry Potter auf Turkey kommen. Kein Schmäh, ich weiß, wie derlei ausschaut, und das, was eins der Mimis da an Tag eins und zwei des CD-Verbots performte, war eindeutig ein Akutentzug. Es rechnete sich aber, den zu überstehen: In unserem Haushalt wird nun wieder kommuniziert. Erstaunlich, wenn auch nicht konzentrationsfördernd. Gleiches gilt für den Langen, der neuerdings die Benefizien von WLAN entdeckt hat und nun auch gerne von daheim aus arbeitet. Was die Zahl der einem Heim zuträglichen Heimarbeiter um genau eins übersteigt, was mir aber ja jetzt powidl ist. Arbeitszimmer. Ruhe. Schreiben. 20 Seiten täglich Minimum. Ich habe alle Termine abgesagt und alle Freundinnen auf April vertröstet. Keine Partys, kein Ausgehen. Ich werde meine E-Mail-Boxen irgendwie versiegeln. Vielleicht schalte ich sogar das iPhone ab, doch, ich erwäge das ernsthaft.

Natürlich weiß ich selbst, dass all diese Maßnahmen mich nicht daran hindern werden, nicht zu schreiben. Und stattdessen die Füße auf den Tisch zu legen, in den Himmel zu schauen und an die falschen Sachen zu denken. Und Musik zu hören. Und die E-Mail-Boxversiegelung zu umgehen und Mail-Konversationen mit meinen vertrösteten Freunden zu beginnen. Und periodisch durch die Tür zu schreiten und die Künstler von der Kunst abzuhalten und ihnen erhebliche Zweifel an ihrem Altruismus einzupflanzen. Und bei Ebay einfach einmal einen unzumutbaren Preisvorschlag für diesen erstaunlich preiswerten, unglaublich schönen schwarzledernen 60er-"Mad Men“-Chefsessel abzugeben. Und dann erschrocken festzustellen, dass der Vorschlag angenommen wurde. Ich habe keine Ahnung, wo ich den nachher hintue, aber jetzt werde ich darin sicher gut schreiben können, doch.


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