Wojtek Klemm reduziert "Nora oder Ein Puppenheim“ auf das Wesentliche

Lexikon | Kritik: Hermann Götz | aus FALTER 08/12 vom 22.02.2012

Frauen verdienen weniger, sie werden oft in die finanzielle Abhängigkeit gedrängt und das gesellschaftliche Ideal der arbeitsteilig organisierten Familie entspricht nicht der Realität. Dennoch: Das bürgerliche Puppenhaus, wie es Henrik Ibsen in "Nora“ beschreibt, ist ein Anachronismus. Dass Wojtek Klemm das Stück in seiner neuen Inszenierung "Nora oder Ein Puppenhaus“, für die er nach internationalem Erfolg wieder in Graz vorbeischaut, entschlackt, ist also verständlich. Er macht das aber so gründlich, dass er Ibsens virtuos gezeichnetes Spannungsgeflecht bis zur Unkenntlichkeit verknappt. In Klemms Regie tanzen rund um Evi Kehrstephan, die als Nora eine grandiose Balance zwischen Komik, Abstraktion und differenzierter Rollengestaltung schafft, vor allem fertige Figürchen: Puppen, die an den Fäden einer äußeren Macht namens materieller Existenz oder Arbeitswelt baumeln. Wie Puppen wiederholen die Darsteller immer wieder ihren Text, in schrägen Traum(a)-Sequenzen staksen sie gleich hölzernen Spielzeugsoldaten über die Bühne. Simon Zagermann gibt Noras Mann Torvald gekonnt kleingeistig und unsexy, Claudius Körber verkörpert virtuos das schlechte Gewissen des Hauses: Hausfreund Doktor Rank. Gerhard Liebmann genießt die Komik seiner traurigen Boshaftigkeit als Noras Erpresser Krogstad und Verena Lercher hilft in der Rolle von Noras Freundin Kristine souverän, die weihnachtliche Packerl-Bühne (Mascha Mazur) in Ordnung und die Handlung zusammenzuhalten. Eine "Nora“ in Comic-Version: stringent und unterhaltsam. Aber schon sehr eingedickt. F

Schauspielhaus Graz, Do 19.30


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige