Kunst  Kritik en

Selbstporträts zweier Melancholiker

Lexikon | aus FALTER 08/12 vom 22.02.2012

Sie sind Nachbarn in New Yorkund machen auch sonst gemeinsame Sache: der Schweizer Künstler Urs Fischer und sein Südtiroler Kollege Rudolf Stingel. Auf der letzten Venedig-Biennale ließ Fischer eine Wachsfigur von Stingel anfertigen. Ein Docht verwandelte den Abguss in eine Kerze, die allmählich abbrannte. Nun sind die beiden unabhängig voneinander in Ausstellungen in Wien zu sehen. Urs Fischer stellt in der Kunsthalle Wien unter dem Titel "Skinny Sunrise“ eine Retrospektive seines Schaffens aus. Fischer steht für das Anknüpfen an traditionelle Themen der Skulptur wie der menschlichen Figur, allerdings mit viel Ironie und Groteskem versehen. Der titelgebende, knöcherne "Sonnenaufgang“ besteht aus einem Skelett, das auf einer Parkbank den Hintern zu einer sexuellen Pose in die Höhe reckt. Das "Tea Set“ (2002) ist beinahe das, was es zu sein scheint: eine bürgerliche Salonskulptur für den täglichen Gebrauch. Eine Allegorie der Vergänglichkeit schuf der Kunstmarktstar durch ein Selbstporträt. Als brennende Kerze an einem Tisch sitzend, schwindet das wächserne Ebenbild des Künstlers jeden Tag ein Stückchen mehr. Collagen stellen Fischer als bild- und bildungshungrigen Interpreten der Kunstgeschichte vor, der sich sowohl im Surrealismus als auch im Spätbarock zu Hause fühlt.

Auch Rudolf Stingel pflegt einen lässigen Umgang mit seinem Status als Erfolgskünstler. In der Secession ist ein monumentales, fotorealistisch gemaltes Selbstporträt zu sehen, das den Künstler mit melancholischem Blick zeigt. Es wirkt wie das Bild eines Hauptaltars, während die beiden in den Seitenschiffen positionierten Reliefs die Flügel eines Tabernakels andeuten. Die zwei Arbeiten aus schwarzem Gips sind einer barocken Damasttapete nachemp- funden. MD

Kunsthalle Wien, bis 28.5.

Secession, bis 15.4.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige