Kunst  Kritik

Die Meisterin der räumlichen Atmosphären

Lexikon | aus FALTER 09/12 vom 29.02.2012

Manchmal könnte das, was nach dem etc. hätte kommen können, das Etcetera eben, ja viel interessanter sein als das, was davor steht. Auf der Website der Fotografin Margherita Spiluttini steht unter ihrem Namen "architekturfotografie“, eine Zeile darunter "etc.“ Ihre Ausstellung in der Christine König Galerie ist nach diesem Prinzip aufgeteilt. Im ersten Saal hängen Architekturaufnahmen, schwarzweiße und in Farbe, unterschiedlich große, entstanden zwischen 1988 und 2007. Keine Textlegenden stören die wohlüberlegte Zufallsaufteilung. Das ist angenehm. Man muss sich auf das konzentrieren, was die Bilder enthalten, und auf die für Spiluttini charakteristische Ästhetik des kryptischen Zublickes. Nebenbei kann man versuchen zu erraten, welche Bauwerke man sieht. Als Architekturfotografin braucht man Margherita Spiluttini nicht vorzustellen. Sie ist die beste österreichische Architekturfotografin. Weil die einfühlsamste, verlässlichste etc. Wie sie Bauwerke abbildet, so sind sie auch: atmosphärisch. Aber nur, wenn sie so sind.

Das Etcetera ist im zweiten Saal. Hier herrscht formale Ordnung. Vier Reihungen. Filmisch der Form nach. Musikalisch nach Inhalt und Rhythmus. Zum Beispiel "Duo“, die senkrecht gereihte Abfolge, datiert 1979: Zwei sitzende Männer mit Buch. Ein junger Architekt, Adolf Krischanitz, belehrt einen alten Herrn, den Bauunternehmer Spiluttini. Der verschwommene Buchtitel ist gerade noch lesbar. Heinrich Tessenow. Der junge Architekt hat hektisch viel zu sagen, sein Konterfei ist oft verschwommen. Die Reihe könnte auch "Duell“ heißen. Gegenüber die waagerechte Reihe, "Vaterfigur“ (1983/84). Die Fotos sind das großartige Porträt eines alten Menschen. Das Alter, sieht man, ist anstrengend. Anstrengender wohl als die gesamte geleistete Arbeit.

JAN TABOR

Christine König Galerie, bis 10.3.


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