Selbstversuch

Nein, der Sessel wurde noch nicht geliefert

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 09/12 vom 29.02.2012

Selbstverständlich haben letzte Woche sofort mehrere Menschen ausprobiert, ob das eh nicht stimmt, was ich da schrieb: dass ich jetzt, zum Zwecke konzentrierten Schreibens wochenlang Handy und E-Mail abdrehen würde. Und richtig, es hat nicht gestimmt, wie sie allesamt jeweils binnen Minuten feststellen durften. Guten Tag, bin eh da. Der geschätzte Kollege S. schickte mir daraufhin einen Link, mit dem man sich selbst für eine bestimmte Zeit komplett aus dem Internet aussperren kann. Danke, aber das ist nichts für mich. Wenn ich nicht ein bissl kleine, harmlose, portionierte Ablenkung in Form von spiegel.de, Facebook, E-Bay und diversen Fress- und Kochblogs habe, kann ich nämlich tatsächlich überhaupt nicht mehr schreiben.

Ich brauche diese Ablenkung, und hätte ich sie nicht, würde ich noch heute damit beginnen, das schöne, stille Arbeitszimmer, das mir für ein paar Wochen zur Verfügung steht, neu zu verputzen und auszumalen, einen anständigen Boden zu verlegen, die abgehängte Decke herunterzuschlagen und in der kleinen Büroküche mehrgängige Menüs zu kochen. So richte ich es nur mithilfe von E-Bay ein klein wenig mit Sachen ein, von denen ich nachher so sehr nicht wissen werde, wohin damit, dass ich früher oder später gezwungen sein werde, ein externes Arbeitszimmer zu einer permanenten Einrichtung zu machen. Nein, der Chefsessel wurde leider noch nicht geliefert.

So ein bisschen Ablenkung muss sein, damit die zwei oder drei Sätze, die man in der letzten Stunde geschrieben hat, Zeit haben, sich zu setzen, worauf schnell klar wird, dass sie umgruppiert, ja, was heißt, völlig neu eingerichtet werden müssen. Kürzlich, nach etwas mehr Wein, fragte einen eine Freundin, ob man schreiben würde, wenn man nicht müsste, und wenn nicht, was dann, und die Antwort lautete, bar allen Zögerns: nein, und Räume einrichten. Das Erstaunliche daran war, dass man das vorher nicht wusste.

Da sitzt man, 45-jährig, im warmen Licht des Skopik & Lohn, und findet zwischen Schnitzel und Schnaps plötzlich heraus, was man einmal werden will. Man will einmal den ganzen Tag sich nur bei E-Bay herumtreiben und von Peil-und-Putzler-Glas-Lampenschirmen und 1970er-Jahre-Schreibtischlampen, von Saarinen-Sesseln und Knoll-Daybeds und dänischen Palisandersideboards überrascht werden, von antiken Farbrollern mit Rosenmuster und Wilhelmsburgerporzellan und riesigen, handgehäkelten Bettüberwürfen, je nachdem, ob man ein Stadtbüro einrichtet oder ein Landhaus.

Da will man hin, vermutlich aus einem einzigen Grund: damit man dann, während man sich auf der erfolglosen Suche nach dem richtigen Teil verzweifelt durch Internet-Auktionen scrollt, wünschen kann, man könnte einfach nur Sätze einrichten, wie man es früher tat. Und es jetzt tut, um sich vom elenden Einrichten abzulenken. Und wenn dann die Freundin fragt … Na, lassen wir das.


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