Fragen Sie Frau Andrea

Ja, dissen’s das überhaupt?

Kolumnen | aus FALTER 09/12 vom 29.02.2012

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

vor einigen Jahren wurde das Wort "dissen“ von meinen Söhnen in unserer Familie eingeführt. Anfangs konnte ich damit nichts anfangen, mit der Zeit bekam ich ein Gefühl für die Anwendungsmöglichkeiten (und würde so übersetzen: Ich hab dich gedisst: Ich hab dich reingelegt, angeschmettert, verarscht; dissing: cool, überraschend gut). In einer der letzten Falter-Nummern habe ich mit großem Erstaunen nun erstmals das Wort "gedisst“ medial verwendet gelesen. Woher kommt dieser Begriff?

Vielen Dank für deine Aufklärung!

Deine Schulfreundin Birgit Cottogni,

per Gesichtsbuchdirektnachricht

Liebe Birgit,

die Karriere des D-Verbs nahm ihren Anfang in der Umgangssprache US-amerikanischer Rapper. Der Slang-Ausdruck to diss bedeutet ganz im Einklang mit deinen Wahrnehmungen jemanden schlechtmachen, respektlos behandeln, schmähen.

Das Dissen hat neben seinem Charakter als Instrument der privaten Beleidigung auch eine Funktion als Promotion-Tool in der medialen Positionierung von Hip-Hop-Tracks. Es gehört zum guten Ton in der Welt des Sprechgesangs, andere Marktteilnehmer zu dissen. Dies geschieht institutionell in Radiointerviews, während Bühnenauftritten, in Diss-Songs und Diss-Tracks. Der überwiegende Teil der Aggression ist gespielt und ähnelt damit den gegenseitigen Beschimpfungen von Boxern vor großen Faustkämpfen. Selten münden Diss-Battles in Gewalt, wie bei den tödlichen Schussattentaten auf die legendären Rapper 2Pac und The Nortorious B.I.G.

Sprachforscher vermuten den Ursprung des Zeitwortes im umgangssprachlichen Englisch der Jamaikaner, es gilt als Abkürzung von disrespect oder disparage, repektlos sein, jemanden ungleich behandeln. Rappern wie Jamaikanern ist die Herkunft des Wortpartikels diss meist nicht bekannt, allerhöchstens wird ein französischer Wortursprung vermutet. Tatsächlich dürfen wir in dis eine lateinische Vorsilbe sehen, mit Bedeutungen von entzwei, auseinander, zwischen, zer- bis un-. Bedeutungsgleich mit dis ist die Vorsilbe dif, die stets vor "f“ auftritt, wie in Differenz, sowie die gekürzte Variante di, wie in Distanz.

Zurück zu deiner Familie, liebe Birgit. Disse deine Söhne, in dem du sie diffst. Vielleicht indem du ihnen Latinismus vorwirfst. High Five!


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