Rückzug auf der ganzen Linie

Ulrich Rüdenauer | Literatur | aus FALTER 11/12 vom 14.03.2012

In Milena Michiko Flašars Roman "Ich nannte ihn Krawatte“ treffen sich zwei Melancholiker, die Pause von der Welt machen

Mitten in den Zentren der kapitalistischen Gesellschaft entstehen auch neue Formen der Einsamkeit und des Eskapismus. Hikikomori nennt man in Japan jene meist jungen Menschen, die aus allen haltgebenden und zugleich disziplinierenden Systemen herausfallen. Sie ziehen sich manchmal über Jahre hinweg in sich selber zurück, weil sie dem gesellschaftlichen Druck ihren Körper nicht mehr entgegenstemmen können, und klinken sich schlicht aus den Leistungszusammenhängen aus.

Sich zu befreien aus dem "Zusammenspiel von Ursache und Wirkung“, das ist der innigste Wunsch des Hikikomori. Er möchte sich nicht mehr in ein Beziehungsgeflecht hineinbegeben, in dem er sich verheddern, aus dem er nicht heil herausfinden könnte. Die Eltern sind derweil voller Scham und denken sich für die Nachbarn alle möglichen Ausreden aus, etwa dass das Kind ein Austauschjahr im Ausland verbringe.

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