Ein Süchtiger erlebt sich nicht als krank

Literatur | Anja Hirsch | aus FALTER 11/12 vom 14.03.2012

Benjamin Steins raffinierter Roman "Replay“ erzählt nur auf den ersten Blick eine Science-Fiction-Geschichte

Es gibt Bücher, aus denen findet man nicht mehr heraus. Seitenlang hatte man sich einem Erzähler anvertraut, der vorgab, unter Ängsten und Mängeln zu leiden wie man selbst, wie Menschen überhaupt. Plötzlich wandelt er sich zum dogmatischen Werbeträger eines diktatorischen Unternehmens, das mit unser aller Daten Geld und Macht gewinnt. Er sagt Sätze wie "Kommunikation ist das Erdöl unserer Tage“. Privatsphäre? Schnee von gestern. Individuum? Begriff einer antiken Lehre.

Dass er auch noch die Apple-Rhetorik beherrscht und den ästhetischen Wert seiner Erfindung als Kunstwerk lobt, obwohl sie doch alle Menschen nicht nur beglückt, sondern auch knebelt, macht ihn unheimlich. "Replay“, der neue Roman von Benjamin Stein, ist höchstens in seinen Details Science-Fiction. In Wirklichkeit buchstabiert er Fallen des Facebook- und Handyzeitalters durch - wie einst George Orwells


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