Theater  Kritik

Die wollen nur spielen: Ibsen im Geisterhaus

Lexikon | aus FALTER 11/12 vom 14.03.2012

Eines haben die Dramen des Henrik Ibsen mit billigen Telenovelas gemeinsam: Es kommt immer alles zusammen. In "Gespenster“ (1881) etwa stellt sich binnen 24 Stunden heraus, dass dem jungen Maler Osvald von seinem Vater die Syphilis vererbt wurde, dass das Hausmädchen eigentlich seine Halbschwester ist und dass der bigotte Pastor Mander und Osvalds Mutter einst beinahe ein Paar geworden wären. "Gespenster“ ist ein Klassiker des psychologisch-realistischen Dramas; anstelle eines Analytikers wird der Zuschauer zum Zeugen, wie jahrzehntelang verdrängte Lebenslügen aufbrechen. Normalerweise werden solche Stücke von Feingeistern oder Altmeistern inszeniert; dass nun der junge, vor allem für seinen eminenten Spieltrieb bekannte David Bösch damit betraut wurde, kommt also überraschend.

Das Bühnenbild (Patrick Bannwart) legt nahe, dass der Titel hier wörtlich verstanden wird: Der Schauplatz ist ein Geisterhaus, ein Ort für Untote. Auf das Spiel wirkt sich das jedoch nur bedingt aus: Johannes Krisch poltert den Tischler Engstrand zwar als lebende Alkoholleiche auf die Bühne; Kirsten Dene (Frau Alving) und Martin Schwab (Pastor Mander) aber spielen ganz old fashioned ein altes Paar, das nie zusammenkam. Und Markus Meyer (Osvald) wirkt so harmlos, als wäre er irgendwann auf einer Pyjamaparty hängen geblieben. Statt an Syphilis - die, wie man inzwischen weiß, nicht erblich ist - leidet er an Aids, und am Ende verfällt er nicht, wie bei Ibsen, dem Wahnsinn, sondern begeht Selbstmord. Vorher hat Osvald mit einem Vorschlaghammer noch die Büste seines Vaters zerschlagen, passenderweise zu "Father and Son“ von Cat Stevens. Etwas mehr von dieser zerstörerischen Energie hätte einer Inszenierung gut getan, die nicht so recht zu wissen scheint, wie sie sich zum Stück verhalten soll. WK

Akademietheater, So 19.00, Do 19.30


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