Kunst  Kritik

Skulptur V: kristallklare Unschärfe

Lexikon | aus FALTER 11/12 vom 14.03.2012

Sie gehört zu einer jüngeren Generation slowakischer Künstler, die unter widrigen Produktionsbedingungen einer sehr marktorientierten Gesellschaft - wenig staatliche Subventionen, geringer Status der Gegenwartskunst - arbeiten. Die Künstlerin Denisa Lehocká verzichtet in ihrer Ausstellung in der Slowakischen Nationalgalerie (SNG) auf eine Werkliste, was die Einheit der aus vielen Einzelteilen bestehenden Ausstellung unterstreicht. Wie in früheren Ausstellungen auch integriert Lehocká Arbeiten vergangener Jahre. Dieses Recycling von Fragmenten drückt eine Vorsicht gegenüber dem Fertigen und Perfekten aus. An der Wand lehnen und auf dem Boden liegen Rigipsplatten, als wäre die Ausstellung noch im Aufbau begriffen. Dem Besucher sei ein starkes Kameraobjektiv als Sehbehelf empfohlen. So kann er kleine, an Modelle von Atomen und Kristallen erinnernde Skulpturen heranzoomen.

Mit entsprechender Schärfentiefe kämen die von der Decke hängenden, weißen Zapfen richtig zur Geltung, die die Künstlerin als vertikalen Kontrapunkt über leere, kubenförmige Sockel hängte. Erst der visuelle Rahmen eines Kamerafokus domestiziert das Chaos von Zeichnungen, Skulpturen, Werkzeugen, Möbeln und Gemälden, das sich über ein ganzes Stockwerk des Museums erstreckt. Die Monumentalität der Skulpturen, ihre Funktion als Erinnerungsmedium, wird von einer brüchigen Fragilität unterspült, die sich im bildhauerischen Sekundärmaterial Gips ausdrückt. Wie die Fotografie dient Gips dem Abdruck der Natur, nicht - wie Marmor - deren Verewigung. Wie bei einer Collage wachsen an die Wand gehängte Bildstrecken, am Boden liegende Objekte und die Durchblicke in angrenzende Räume zusammen. Die Künstlerin versteht es, das Ewige mit dem Augenblick und die kristalline Schärfe der Form mit schwebendem Inhalt zu vereinen. MD

Bratislava, Slovak National Gallery (SNG), bis 3.6.


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