Am Apparat  

Frau Spiel, sollen Frauen beim Test bevorzugt werden?

Telefonkolumne

Politik | aus FALTER 12/12 vom 21.03.2012

Frauen schneiden beim Eignungstest zum Medizinstudium (EMS) schlechter ab als männliche Bewerber. Nun will die Med-Uni Wien Kandidatinnen milder beurteilen und den Test nach Geschlechtern getrennt auswerten. Was Bildungspsychologin Christiane Spiel von der Uni Wien davon hält, erzählt sie am Apparat.

Frau Spiel, die Med-Uni Wien will Frauen beim EMS bevorzugen. Ist das sinnvoll?

Eine langfristige Lösung ist das sicher nicht, weil das nichts an der Ursache ändert, sondern vorerst versucht, eine bestehende Benachteiligung auszugleichen. Das zeigt zwar ein Problembewusstsein, aber es ist noch keine Lösung des Problems.

Benachteiligt der EMS wirklich Frauen?

Wir haben das evaluiert: Der Test ist nicht genderfair. Das bezieht sich auf die frühe Sozialisation von Frauen und auf Testmerkmale, die Geschlechtsunterschiede produzieren, die aber für die Materie nicht relevant sind.

Haben Sie ein Beispiel?

Ja. Im EMS kommen Textaufgaben vor. Je nach dem Inhalt solcher Textaufgaben können Männer oder Frauen bevorzugt werden. Im EMS haben die Texte naturwissenschaftlich-technische Inhalte, das bevorzugt Männer. Wenn es darum geht, Textverständnis abzuprüfen, sollte der Inhalt der Texte für beide Geschlechter gleich schwierig sein. Ich bin nicht dafür, es dem einen oder anderen Geschlecht leichter zu machen, sondern für geschlechtsneutrale Aufgaben, das heißt Aufgaben, die für beide Geschlechter gleiche Herausforderungen darstellen.

Gibt es auch wichtige Kompetenzen, die der EMS nicht abprüft?

Ja, der EMS prüft Wissen und Fähigkeiten ab, die im ersten Teil des Studiums wichtig sind. In den meisten Fragen geht es um naturwissenschaftliche Inhalte. Für den klinischen Bereich, wo es auch um ärztliches Handeln, Diagnose geht, ist er nicht so aussagekräftig. Daher unsere Empfehlung nach der Evaluation: den Test als Ganzes optimieren.

Interview: Ingrid Brodnig


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