Enthusiasmuskolumne  

Gut gebrüllt, Löwe: Jonathan Meeses Hitler

Diesmal: der beste Artaud der Welt der Woche

Feuilleton | Matthias Dusini | aus FALTER 12/12 vom 21.03.2012

Der Mann brüllt: "Vereine verbieten!“, "Tourismus verbieten!“, "Parteien verbieten!“; er empfiehlt Adolf Hitlers "Mein Kampf“ als Lektüre und den "deutschen Gruß“ als Gymnastikübung. Der deutsche Künstler Jonathan Meese, 42, hielt am 15. März in der Aula der Akademie der bildenden Künste eine Rede, die ihm auf einem FPÖ-Parteitag eine Anzeige wegen Wiederbetätigung eingebracht hätte.

"Demokratie? No grazie!“, ruft er auf einer hölzernen Tribüne stehend den zahlreich erschienenen Kunststudierenden zu. Die Säulen der Aula geben seinen Worten Gewicht. "Ich fordere den Anschluss Österreichs an die totale Kunst!“ Obwohl die Kunstschule durch ein Büro für Geschlechtergleichstellung und eine antidiskriminatorischen Betriebsvereinbarung das Modell einer politisch korrekten Akademie ist, lösten Meeses Wortgranaten keine Widerrede aus. Sind die antifaschistischen Impulse der Generation Unterstrich_Binnen-I durch zu viel Demokratietraining erlahmt?

Meese gelingt es, Heavy Metal in Sprache zu verwandeln. Diese Rhetorik kennt kein Crescendo, nur Fortissimo. Er variiert 90 Minuten lang ein Dutzend Aussagen minimal, sodass der Zuhörer den Faden verliert und nur mehr den sinnentleerten Sound hört. Der bleierne Inhalt ("Kunst“, "Hitler“) löst sich in reine Form - die "totale Kunst“ - auf, in eine Mischung aus dem Wahnsinn eines Antonin Artaud, der Diskursmaschine von René Pollesch und dem Dröhnen der Band Rammstein.

Nach Hitler-Doubles wie Bruno Ganz oder Helge Schneider versetzt Meese das Scheusal nun in das Reich kindlicher Bösewichter. Wie bei den netten Jungs, die sich am Wochenende in Sauron verwandeln, blitzt auch bei Meese die Lust am kindlichen Grusel auf: Er will ja nur spielen.


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