Selbstversuch

Ah, das treibt die Jugend also auf die Straße

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 12/12 vom 21.03.2012

Immerhin kann ich sagen: Ich war nicht derjenige, der seine Faust hob und brüllte: Macht, was ihr wollt, aber meine Quinquenniumsprämie kriegt ihr nicht!!! Der war ich nicht. Das war ein anderer. Ich war allerdings, muss ich zugeben, diejenige, die ausrief: Wenn man jung ist, kann man ruhig einmal ein bisschen leiden, das ist gut für die Persönlichkeitsbildung!, Prost.

Sagen wir so: Derlei Veteranenparolen kommen unter uns älteren Menschen gut an. Bei 23- oder 25-jährigen Prekarierinnen und Prekariern dagegen macht man sich mit solchen Lebensweisheiten eher sehr unbeliebt. Und ist dann schon jetzt das, was man eigentlich erst in 35 oder 40 Jahren sein wollte: die böse alte Hexe, die sich über die Jahre der einlullenden Saturiertheit jegliches Gespür für die Probleme der Jungen und des Jungseins weggekuschelt hat und sich deshalb nun selbst im traditionellen Euch-solls-auch-nicht-besser-gehen-als-uns-Revanchismus ihrer eigenen Ahnen und Ahnensahnen verliert.

Also. Ich nehme das hier nicht zurück. Ich finde wirklich, dass zu den Privilegien der Jugend gehört, es auszuhalten, wenn eine Zeitlang nicht Milch und Honig und 14 Angestelltengehälter fließen. Jetzt vorausgesetzt, man hat keine Kinder und ein unbeeinträchtigtes Gehirn und zwei gesunde Hände. Es ist prägend, stärkend und rückgratbildend, wenn es einem gelingt, es mit diesen Händen und diesem Hirn über schwerere Zeiten zu schaffen, und ich möchte unbedingt, dass auch die Mimis das einmal erfahren.

Andererseits meine ich aber natürlich auch, dass man - im speziellen Fall ging’s um junge Journalistinnen und Journalisten und ihre teils unterirdischen Einkommensbedingungen -, um seine Rechte kämpfen soll: Auch dafür ist man jung, dass man noch genügend Kraft, Leidenschaft und Wut in sich hat, um Veränderungen und Verbesserungen zu fordern. Auch wenn der mit dem Quinquennium und ich tatsächlich die falschen Adressaten sind.

Ich weiß nicht, warum mir gerade jetzt das Foto einfällt, das ich vor ein paar Tagen auf Facebook gesehen habe. Das Foto wurde kürzlich in Wien aufgenommen und zeigte hunderte junge, hipsterige, gesund wirkende Menschen, die sich geduldig in einer breiten, endlosen Schlange vor einer Tür anstellten. Ich fragte mich natürlich, was es hinter dieser Tür gab, das beim jungen Menschen ein derart engagiertes Stehvermögen auszulösen imstande war: Drogen, Studienplätze, ein Volksbegehren für bessere Arbeitsbedingungen, die Gründung einer eigenen Gewerkschaft oder was.

Die Antwort war: Kuchen. Hinter der Tür gab es Kuchen. Von tollen Leuten selbstgebackenen, irgendwie subversiven, ja rebellischen Kuchen, aber Kuchen. Nichts gegen Kuchen. Ich liebe Kuchen. Ich habe mich trotzdem gewundert. Aha. Das treibt den jungen Menschen heutzutage also in Massen auf die Straße. Kuchen also. Hm. Interessant.


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