Menschen

Heun doch!

Falters Zoo | Ingrid Brodnig, Matthias Dusini, Christopher Wurmdobler | aus FALTER 12/12 vom 21.03.2012

Es ist zwar erst Frühling, aber im Museumsquartier kündigte man schon einmal den "Summer of Fashion“ an. Es könnte aber auch ein "Summer of Fetzen“ werden, denn so richtig mit den großen Namen um sich zu werfen, wusste niemand der Anwesenden bei der Pressedarbietung mit Christian Strasser, dem neuen Chef des MQ-Areals, und involvierten Anrainern von Mumok-Direktorin Karola Kraus (Ausstellung "Reflection Fashion“) bis Tanzquartier-Intendant Walter Heun. Letzterer konnte bei der Präsentation nicht umhin aufzuzählen, welches seiner aktuellen Kleidungsstücke von welchem Designer (Dries van Noten abwärts) stammt. Wie uncool ist das denn? Kann man ja gleich einen Pulli tragen, auf dem "Boss“ oder "Hilfiger“ steht. Darf man erwarten, dass den Verantwortlichen noch ein bisschen mehr zum Thema Mode einfällt?

Möglicherweise ist in einem temporären Outletgeschäft in den Tuchlauben gerade mehr Mode zu sehen als im ganzen MQ-Modesommer. Jedenfalls hat Designer und Geschäftsmann Gregor Pirouzi alte Kollektionen namhafter Designer und ein paar Promis zusammengetrommelt und seinen Pop-up-Store "Happy Ending“ genannt. Weiß eigentlich niemand, was das bedeutet? Jedenfalls hat es mit Orgasmus zu tun, aber bei der Eröffnung (unter anderem mit Actrice Franziska Weisz oder Modemacher Thomas Kirchgrabner, vielen Hunden und Kindern) taten alle so, als ginge es um Märchen und nicht um Sex. Arg.

Eine etwas eigentümliche Auslegung des Themas Vernissage bot der deutsche Künstler Jonathan Meese in der Akademie der bildenden Künste. Eigentlich war er angereist, um seine Lithografien und Holzschnitte in der Galerie Xhibit zu präsentieren. Aber statt mit einem Sektgläschen die Honoratioren zu begrüßen, brüllte er sich 90 Minuten lang die Seele aus dem Leib (siehe auch S. 27). Rektorin Eva Blimlinger und Kunstgeschichteprofessorin Sabeth Buchmann setzten sich vorzeitig ab. Sammler Karlheinz und Agnes Essl kamen zu spät, harrten aber aus, bis sich der zornige Runenfreund den Schaum von den Lippen wischte.

"Von hier“, sagte die Künstlerin Nan Goldin bei einem öffentlichen Gespräch im Kunsthistorischen und deutete auf ihr Herz. "Und von hier!“ Die Hand fuhr weiter in Richtung Bauchgegend. Wortreich hatte ihre Gesprächpartnerin, die Kunsthistorikerin Catharina Kahane, versucht, in Goldins Porträts von Liebenden und Leidenden eine Verwandtschaft mit den Malern der Renaissance zu erkennen. "Fotografie ist die niederste aller Künste“, sagte der New Yorker Kunststar, der den Besuch nutzte, um Bilder von den alten Meistern im Museum zu machen. "Heute kann jeder loslegen, sogar mit dem Handy.“

Wirklich, wirklich pünktlich musste man zum Konzert von Mika Vember beim Akkordeonfestival kommen. Die Band begann auf die Minute genau im Metropol zu spielen, was man als Wiener ja so gar nicht gewöhnt ist. Wenn sonst von 20 Uhr Beginn die Rede ist, kann man überlegen, um 21 Uhr langsam aufzubrechen. Schade für jene, die die ersten Nummern versäumten. Dazu zählte das Cover von Jolie Holland "Old Fashioned Morphine“, das Frau Vember all jenen widmete, die schon einmal in ihrem Leben einen Bandscheibenvorfall hatte. Wozu offensichtlich auch Bandkollegin Martina Winkler zählte. Die Arme! Nur wir müssen gestehen, wir haben uns das mit dem Morphium und "Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll“ etwas aufregender vorgestellt. Mehr Sex und weniger Bandscheibenvorfall.

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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