Architektur  Kritik

Äcker und Akeleie gegen Immobilienhaie

Lexikon | aus FALTER 12/12 vom 21.03.2012

Das Architekturzentrum Wien (Az W) betrachtet die Entwicklung der modernen Stadt nicht vom Flugzeug aus, sondern aus der Perspektive des Maulwurfs. Die Ausstellung "Hands-on Urbanism 1850-2012“ erzählt die Geschichte des urbanen Nutzgartens, deren aktuelle Ausgabe etwa die Gemeinschaftsbeete im Ottakringer Hegerleinpark sind. Motor der innerstädtischen Begrünung waren ökonomische Krisen, demonstrierte die von Elke Krasny kuratierte Schau. So war der Schrebergarten Mitte des 19. Jahrhunderts eine Reaktion auf die Verwüstungen der Industrialisierung. Arbeiterkinder sollten hier spielen können, deren Eltern Gemüse anbauen. In Wien entstand bereits während des Ersten Weltkriegs, in einer Zeit des Hungers, die Siedlerbewegung, die zuerst wilde Landnahmen durchführte, ehe sie von der Stadt in geordnete Bahnen gelenkt wurde. In kleinem Rahmen wurde hier die Utopie einer Gartenstadt, eines Landlebens in der Metropole, realisiert.

Die Ausstellungsgestaltung von Alexandra Maringer macht die Parzelle zum formalen Leitmotiv. Bauzäune grenzen die Ausstellungseinheiten voneinander ab, in denen Fotos und eine - etwas zu groß ausgefallene - Menge von Texten die Themen aufbereiten. Zusätzlich kann sich der Besucher durch Videointerviews über aktuelle Projekte informieren. Ein Kunstprojekt in Amsterdam versuchte, den Freiraum zwischen Wohnblöcken zu erschließen und bei der Umsetzung scheiterte. Die Betreiber hatten keine dauerhaften, rechtlichen Grundlagen geschaffen. In Global Cities wie Hongkong formieren sich Kleingärtner zum Widerstand gegen mächtige Immobilienentwickler, die das grüne Umland in Gewerbegebiete und Verkehrshöllen verwandeln. Pflanzen der Wiener Stadtgärten verbreiten jene Naturstimmung, die den Städter im Herzen zum Bauern macht. MD

Architekturzentrum Wien, bis 25.6.


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