Neu im Kino

Graue Wolken: ein Arbeiter in Angst in "Take Shelter“

Lexikon | Drehli Robnik | aus FALTER 12/12 vom 21.03.2012

Sieht das irgendwer außer mir?“, fragt der Vater (Michael Shannon) entgeistert, während irre Blitze durch den Nachthimmel zucken und Frau und Tochter schlafen. In anderen Momenten des Films, der viel aus dem Anblick gewittriger Wolken und Regengüsse macht, ist es der Protagonist, der schläft; da erscheinen ihm erst recht Dinge, die nur er sieht, zumal Visionen, in denen das Vertrauteste plötzlich aggressiv wird: sein Hund, seine Möbel, sein Kollege am Bohrgerät, seine Frau (Jessica Chastain).

Mehr als andere Hollywoodfilme mit Katastrophenvisionen unter "kleinen Leuten“ auf dem Land ("Signs“, "The Mothman Prophecies“) ist Jeff Nichols’ "Take Shelter - Ein Sturm zieht auf“ Milieustudie, gibt ein mehr als nur soziodekoratives Bild von Nöten, Gesten, Ritualen weißer Arbeiterfamilien in Ohio. Die Milieustudie ist vermittelt über die Verhaltensstudie eines Mannes, der abdriftet; sein Verhalten reduziert sich auf ohnmächtiges Starren und obsessives Mauern. Er sucht sein Heil im Ausbau des Sturmschutzbunkers.

Wie in manch gutem Horror- und Mysteryfilm bleibt Atmosphärisches hier so weit in Schwebe, dass sich soziale Lesarten aufdrängen: weißes Proletariat (schwarz ist nur die überforderte Beraterin im Gemeindezentrum) vor düsterer Zukunft, Krisenlaunen des Kapitals als Wetterfront. Da wäre mehr draus zu machen. So gediegen Schauspiel, Montage, Effekte und Sounddesign auch sind: Der Film ist zu lasch, die Visionen als Wahnform potenzieller Erkenntnis zu zeichnen, die einen Habitus infrage stellen würde. Anstatt die Psychologie der Unsicherheit und Kommunikationsarmut zu überschreiten oder wenigstens konsequent im Andeutungshaften zu bleiben, findet "Take Shelter“ ein Ende, das dramaturgisch befriedigt, jedoch um den Preis, dass es existenzielle Angst ganz ins New-Age-Wolkige auflöst.

Ab Fr in den Kinos (OmU im Gartenbau)


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