Enthusiasmuskolumne  

Schöner futtern - Germgebäck bebuttern!

Diesmal: das beste saisonale Teigteil der Welt der Woche

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 13/12 vom 28.03.2012

Man soll den mythischen Kreislauf der Jahreszeiten mit seinen Ritualen vor reaktionärer Verklärung bewahren, aber irgendwie hat die ewige Wiederkunft des Gleichen schon auch etwas Tröstliches: Zu Weihnachten gibt’s Geschenke, am Unschuldige-Kinder-Tag gibt’s Haue, und wenn sich der Fasching zu Ende neigt, ist Alfons Haider im Fernsehen.

Das ist gut so, das ist richtig so, man möchte es nicht anders haben. Gottlos, gierig und garstig hingegen ist es, immer und überall alles haben zu wollen: Erdbeeren im Jänner, Spargel im Februar, Wildbret im März. Nein, an den Tischen, an denen man so tafelt, mögen wir nicht sitzen. Und dabei geht’s uns gar nicht so sehr um Fußabdrücke, Rucksäcke und den ganzen Nachhaltigkeitsschnickschnack, sondern um die Ökonomie des Begehrens - um Vorfreude und Triebaufschub. Bärlauchbutterbrot rund ums Jahr - das wär’ ja grad so, als wollte man jede Woche Geschlechtsverkehr haben!

Wo alljährlich im Advent Dutzende kulturkritische Essays verfasst werden, die wortreich beklagen, dass die Schokonikoläuse jedes Jahr eine Woche früher in die Regale der Supermärkte gelangen, da schleicht sich die Osterpinze ganz still und leise auf die Displays der Backwarenfilialen. Plötzlich ist sie wieder da, und alle freuen sich. Materialmäßig unterscheidet sich die Pinze jetzt nicht brutal arg von Ganzjahressüßgebäckformaten wie dem Striezel, besticht aber durch ihre unüberbietbare Synthese aus Optik, Haptik und Geschmack. Goldbraun glänzend lädt sie dazu ein, zart zerpflückt, diskret durchschnitten und behutsam beschmiert zu werden - am besten mit einer sündig dicken Schicht Butter, die natürlich vorher auf Zimmertemperatur gebracht werden muss: kühlschrankkalte Butter auf die Pinze, das ist echt das Allerärgste!


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