Nüchtern betrachtet 

Die Wiener Verabredung und ihre Geheimnisse

Feuilleton | aus FALTER 13/12 vom 28.03.2012

Feuilletonchef Klaus Nüchtern berichtet aus seinem Leben. Die Kolumnen als Buch: www.falter.at

Ich bin keineswegs kritiklos pro Wahrhaftigkeit, ganz im Gegenteil: Gesellschaftlich sanktionierte Lüge stellt meines Erachtens ein hohes zivilisatorisches Gut dar. Menschen, die zu fantasielos oder zu faul für Höflichkeitslügen sind und das dem Rest der Welt auch noch als authentische Grademichelhaftigkeit andrehen wollen, kann ich nicht ausstehen. Hier manifestiert sich meiner Ansicht nach auch die kulturelle Überlegenheit von Wien im Vergleich mit Berlin: Die Wiener können sich immerhin noch zu freundlichen Verlogenheiten aufraffen, die Berliner sagen einem glatt, was sie denken. Der berühmte Wiener Satz "Mir ruf’n sich z’samm“, der in etwa das Gegenteil von dem bedeutet, was er zu behaupten scheint, lautet ins Berlinerische übertragen: "Wir seh’n uns am Jüngsten Tag - det is früh jenug.“

Dabei habe ich im Prinzip nichts dagegen, mit "Schaumamoi“ und "Wermaseng“ abgefertigt


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