Das Arschgeweih für die Wohnung

Stadtleben | Stilkritik: Christopher Wurmdobler | aus FALTER 13/12 vom 28.03.2012

Die Tapete in ihrer schlimmsten Form: Immer mehr Menschen legen sich ein Walltattoo zu

Schon klar, an die Küchenwand muss man "Küche“ schreiben. Oder das Rezept für Spaghetti Bolognese. In riesigen Buchstaben. Schließlich könnte man ja vergessen, in welchem Raum der Wohnung man sich befindet. Oder wie Spaghetti Bolognese gehen. Aus demselben Grund steht wohl bei manchen Leuten auch "Bettgeflüster“ überm Bett, "Kuschelecke“ oder "Traumfabrik“.

Und wer hat mit dem ganzen Quatsch angefangen? Wahrscheinlich schusselige Innenarchitekten, die den ganzen Tag in irgendwelchen fremden Behausungen zubringen müssen. Um sich besser orientieren zu können, erfanden sie das Leitsystem für Ortsunkundige, und jetzt machen das alle so. Das Geschäft mit dem Walltattoo, so die korrekte Bezeichung dieser Art der Wohnungsverschönerung, boomt. Die Wandtätowierung ist die Schwämmchentechnik der Gegenwart und wird längst nicht mehr nur von Interieurdesignern eingesetzt, die irgendwelche Lounges oder Zahnarztpraxen auszustatten haben.

Im Internet gibt es zahlreiche Seiten, die Klebefolien für jeden Anlass im Angebot haben: Liebe & Gefühle, Tierwelt oder Humor heißen da die Kategorien. Auch geht es nicht bloß darum, in zweifelhafter Typografie gesetzte Worte an Wände zu kleben. Es gibt auch Muster, Ornamente, Herzchen, Häschen oder Sterne. Auch das vom berühmten "Arschgeweih“ bekannte Tribal-Motiv ist im Angebot.

Mit Walltattoo wird jeder zum Kreativdirektor. Das Anbringen der hauchdünnen Folien aus Vinyl, so verspricht es zumindest ein Hersteller, sei denkbar einfach. Schnell können die Motive angebracht werden, heißt es beim Anbieter klebefieber.de. Ebenso schnell können sie auch wieder entfernt werden.

Das ist der Unterschied zum echten Arschgeweih. Ungemein beruhigend.


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