Kritik

Hamlet neu: Tanz den Existenzialismus-Rock!

Lexikon | Martin Lhotzky | aus FALTER 13/12 vom 28.03.2012

Shakespeares Tragödie vom Dänenprinzen scheint zumindest in Wien eher etwas für Kleinbühnen herzugeben. Nach der Scala 2009 (dort gefolgt von Tom Stoppards "Rosenkranz & Güldenstern sind tot“) noch in bester Erinnerung, stürzt sich nun das Theater an der Gumpendorfer Straße (Tag) auf Hamlet. Autor/Regisseur Gernot Plass überzeugte bereits 2010 mit seiner Bearbeitung "Richard 2 - Jetzt schaun wir mal, wer gleich noch steht“, nun wird eben der irre Prinz aus Helsingör mit "Hamlet Sein - Sie bringen sich bloß um“ überschrieben. Auch diesmal wagt Plass eine Neuübertragung, hält sich aber trotz des Untertitels "sehr frei nach W. Shakespeare“ eng ans Original. Freilich, Schweinereien ("Hau ab ins Kloster jetzt, Du blöde Sau!“), Fäkalausdrücke und Blödeleien ("Ich werde Mitglied bei der Gewerkschaft Freies Schauspiel!“) fehlen nicht, "Sein oder Nichtsein“ wird hier zu einer Art Heidegger-Monolog, und er hätte ruhig ein paar Szenen mehr weglassen dürfen. Der Streit mit Norwegens Fortinbras zum Beispiel führt in dieser Fassung nirgendwohin.

Der Rest aber ist nicht Schweigen, sondern, ganz im Gegenteil, ein tolles, dichtes Theatererlebnis, wieder inklusive Blankversen: geistreich, komisch und, wo nötig, sogar tragisch, mit bescheidensten Mitteln - die Fechtszene etwa durch Beatboxing und ein bisschen Theaterblut - bravourös umgesetzt. Farblich dominieren Schwarz und Weiß, das Bühnenlicht setzt daneben sparsam andere Akzente, für das Gespenst, Hamlets Vater, auch mal in Blaugrün. Sieben Leute in gefühlten 30 Rollen (nur Gottfried Neuner bleibt stets seinem Hamlet treu) machen ziemlich großes Theater auf kleiner Bühne. Ein Besuch im Tag wird mit beinahe drei Stunden einer sehr stimmigen Inszenierung belohnt, zu Recht spendet das Publikum donnernden Applaus.

Tag, So-Mi 20.00


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