Mediaforschung 

"Was soll der Plakat-Knigge für die Öffis, Herr Hummer?“

Nachfragekolumne

Medien | Katharina Mittelstaedt | aus FALTER 14/12 vom 04.04.2012

Wär ich eine alte Dame, wär ich grantig. Geplagt von müden Beinen, würde ich mir nichts wünschen als einen Sitzplatz in der vollen Straßenbahn. Doch nie steht sie auf, diese Jugend von heute! Zumindest bisher: Denn nun klären die Wiener Linien über Sitte und Anstand auf.

Die dafür entworfene Plakatkampagne, die auf die "Hausordnung“ der Öffis aufmerksam machen soll, ist einfach erklärt: Zwei ältere Frauen stehen fröhlich lächelnd in der U-Bahn, weil ein Bursche in Baggy-Jeans und Strickmütze ihnen seinen Platz anbietet. "Er ist trendy und bietet Identifikationspotenzial für die junge Zielgruppe“, sagt Kreativdirektor Günther Hummer von der Agentur Euro RSCG Vienna.

Über den Damenköpfen steht: "Diese Jugend von heute!“ - der Gedanke der Frauen. Doch entgegen dem Klischee einer anstandslosen Jugend soll der Spruch als Lob fungieren. "Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern einem Augenzwinkern wollen wir die Kunden erziehen“, sagt Hummer.

Was verwundert, ist, dass der charmante Bursche zwar die Grundregeln zwischenmenschlichen Zusammenlebens verstanden hat, doch augenscheinlich nicht zählen kann. Denn auf dem Plakat ist eindeutig zu sehen, dass ohnehin drei Plätze frei wären - also jeweils einer für jede Dame wie auch einer für ihn. "Besser einmal zu viel als zu wenig aufstehen“, erklärt Hummer den Rechenfehler des Jünglings. Und: Wär ich eine alte Dame, hätt ich Hoffnung. Denn abgesehen von latenter Dyskalkulie war "diese Jugend“ doch schon immer besser als ihr Ruf.


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