Die neue Opferlust

Feuilleton | Essay: Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 14/12 vom 04.04.2012

Niemand will mehr etwas opfern, aber immer mehr Menschen beanspruchen, ein Opfer zu sein. Was mit Scham verbunden war, ist zur Gier geworden. Wie konnte es so weit kommen?

Lange war Österreich einfach das erste Opfer des Nationalsozialismus. Erst mit der 1986 beginnenden Affäre Waldheim begann eine breite Aufarbeitung der eigenen mörderischen Vergangenheit. Reparationszahlungen an den Staat Israel hat Österreich zwar bis heute keine geleistet, aber 1995 wurde immerhin der Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus eingerichtet, aus dem die wenigen Überlebenden Entschädigungen erhielten. Der Begriff des Opfers hatte die Seiten gewechselt.

Mittlerweile werden nicht nur Überlebende des Genozids oder Opfer sexueller Gewalt entschädigt. Die Sammelklage hat Konjunktur, und die Gewissheit, missbraucht, geschädigt oder betrogen worden zu sein, hat breite Bevölkerungskreise erfasst; wobei die Aussicht auf finanzielle Reparationen die neue Gier, ein Opfer zu sein, zusätzlich befeuert.


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