Selbstversuch

Das ist wohl eine Art göttliche Bestimmung

Kolumnen | Doris Knecht  | aus FALTER 14/12 vom 04.04.2012

Ein Umstand trat auf, der es notwendig erscheinen ließ, sich selbst zu googeln. Man fand: keine heiklen Fotos in verfänglichen Situationen, obwohl derlei in meiner Position schon beinahe geschäftsschädigend ist; so wird man nie auf eine Vice-Party eingeladen und wird niemals die Grelle Forelle von innen sehen. Nicht, dass man sich das auch nur entfernt wünschte, man schafft’s ja kaum mehr hinunter zum Stammwirten. Aber jetzt rein theoretisch. Auf der anderen Seite ist man den Kindern ja auch schon so peinlich genug, ohne dass ihre Schulfreunde ihnen am Handy lasterhafte Fotos oder Videos der sittenlosen Mutter aus dem Netz präsentieren können, also passt.

In der Schreibwarenabteilung das Bekannte und das Übliche, nichts über sich, das man nicht selber in eine Zeitung geschrieben hätte oder hat. Das einzig Überraschende, worauf man stieß, war ein Blog eines interessant bemalten Herrn aus dem Jahr 2009 mit der Rezension einer längst vergriffenen, was heißt: vermutlich bereits vollständig erodierten Musikkassette aus dem Jahre 1992, mit verschiedenen Wiener Bands aus dem Hardcore/Punk-Umfeld.

Die Rezension des Herrn begann damit, dass die Sängerin zwischenzeitlich uninteressanten, überflüssigen Mist in Zeitungen schreibe und schloss so: "Had I known what would become of this lovely smoky, dispassionate voice, I wouldn’t have liked this Pop-Hardcore record as much as I did. Then. 1992. Sitting in my young person’s bedroom.“ Aha. Tja. Wieder einen jungen Mann final enttäuscht. Dabei scheint es sich bei mir um eine Art göttliche Bestimmung zu handeln, irgendeine höhere Macht hat wohl auf mich gedeutet und beschlossen, dass es meine Lebensaufgabe sei, junge Menschen zu enttäuschen, sobald ich alt genug dafür bin. Vielleicht sollte ich einen Beruf daraus machen. Ah, ja, habe ich ja schon.

Zwischendurch eine kleine, damit konvenierende Lebensweisheit: Wenn man vergessen hat, die Karateanzüge der Kinder zu waschen, muss man sie halt bügeln, dann merken sie es, wenn man Glück hat, nicht. Wenn doch: Tja, leider, Kinder, ist meine Bestimmung.

Darüber sprach ich kürzlich, als ich es doch wieder einmal zum Stammwirten schaffte, mit den Freundinnen. Wir kamen zu dem Schluss, dass es okay sei, die Kinder zu enttäuschen, schließlich enttäuschten sie einen auch. Erst kürzlich, sagte eine der Freundinnen, habe sie auf dem Handy ihres elfjährigen Sohnes eine Nachricht gefunden, die er an einen Freund geschickt habe. Die Nachricht habe aus einem einzigen Wort bestanden: "SCHWANSGESICHT“. Schockiert habe sie das Kind konfrontiert, denn ein elfjähriger Gymnasiast sollte eigentlich in der Lage sein, das Wort "Schwanzgesicht“ korrekt zu buchstabieren. In Zeiten der Vorratsdatenspeicherung taucht das vielleicht in 20 Jahren im Netz auf und schadet ihm dann! Weiß man’s … Er kann es jetzt jedenfalls.


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