Fragen Sie Frau Andrea

Dicke Luft im dünnen Tunnel

Kolumnen | aus FALTER 14/12 vom 04.04.2012

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Liebe Frau Andrea,

letztens habe ich diese günstigen Westbahn-Tickets gekauft und mich auf den Weg nach Salzburg gemacht, übrigens traumhaftes Wetter und ein schöner und günstiger Tagesausflug. Nun passiert man auf dieser Strecke einige (enge) Tunnels unter (mir unbekannten) Bergen. Beim Einfahren in diese Tunnels verlegten sich meine Ohren wie beim Flugzeug, wenn es im Steig- oder Sinkflug ist. Ich rätsle seither, warum. Beim Flugzeug macht es Sinn. Der Luftdruck verändert sich und die Ohren müssen sich anpassen. Aber im Tunnel?

Mit herzlichen Grüßen,

Inge Mayer, per Elektronachricht

Liebe Inge,

gewiss haben Sie in einer Wiener U-Bahn-Station schon die Erfahrung gemacht, dass ein kommender U-Bahn-Zug sich durch sturmähnliche Luftveränderungen ankündigt. Die Tunnel-Bim schiebt die Luft geradezu vor sich her und bläst sie uns als Öffi-Orkan ins Gesicht. In der U-Bahn-Station, sie ist nichts anderes als eine große und beleuchtete Undichtheit der U-Bahn-Röhre, kann die durch den Zug gestauchte Luft entweichen, ein Druckausgleich findet statt.

Mit Ausnahme einiger Schweizer Strecken gibt es in Bahntunnels keine Stationen. Die Luft kann nicht entweichen, sie wird durch den Zug gestaucht und mitgerissen, der Luftdruck steigt. In unseren Ohren macht sich das durch ein unangenehmes Gefühl bemerkbar, das jenem ähnelt, das sich in einem Flugzeug während des Landeanflugs einstellt.

Geübte Reisende wissen zur Verminderung dieses unangenehmen Druckgefühls bestimmte Rachenmuskeln anzuspannen. Anatomisch Interessierte mögen diese sogar benennen: Der Musculus tensor veli palatini und der Musculus levator veli palatini öffnen beim Schlucken und Gähnen den Eingang zur Eustachischen Röhre (der Ohrtrompete oder Tuba auditiva Eustachii), einer etwa 3,5 cm langen Verbindung zwischen der im Mittelohr gelegenen Paukenhöhle und dem Nasenrachen. Der Druckausgleich entlastet das empfindliche Trommelfell und sorgt dabei für den typischen "Klick“ im Ohr. Otolaryngologen nennen das Erzeugen eines ebenfalls entlastenden Überdruckes im Nasen-Rachen-Raum durch das Pressen bei zugehaltener Nase und geschlossenem Mund Tubensprengung und etwas weniger martialisch: Valsalva-Versuch.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige