Menschen

Kurz vor Kar

Falters Zoo | I. Brodnig, B. Schellner, C. Wurmdobler | aus FALTER 14/12 vom 04.04.2012

Lustig. Dieses Wort trifft so gut wie nie auf Podiumsdiskussionen zu. Die sind in der Regel der Tod jeglichen Spaßgefühls. Aber manchmal gibt es dann doch Ausnahmen wie vergangene Woche im Museumsquartier. Da gab es richtige Schenkelklopfer und manch verbale Granate. Wer diskutierte? ORF-Moderator Armin Wolf, News-Journalistin Corinna Milborn, Grünpolitiker Michel Reimon, Agenturchef Niko Alm und BZÖ-Politiker und Exlebensmensch Stefan Petzner. Was die alle aufs gleiche Podium bringt? Die gemeinsame Internetsucht. Oder genauer gesagt: eine neue Studie zur österreichischen Twittersphäre, die präsentiert und diskutiert wurde von ein paar der wichtigsten Twitter-User schlechthin. Zwitscherspatz Armin Wolf bezirzt bekanntlich 45.000 Follower und ist der oberste österreichische User. Zum Publikum im bummvollen Saal sagte er: "Ich grüße mein Volk.“ Wie immer unterhaltsam war auch Herr Petzner, der ausführlich von seiner totalen Abhängigkeit vom Internet erzählte: "In der Früh stehe ich auf, rauche eine und dann schau ich gleich auf Twitter, was in den letzten zwölf bis 24 Stunden passierte, während ich schlief.“ BZÖ-Politiker müsste man sein! Da kann man offenbar ruhigen Gewissens schlafen.

Das großartigste Cover der Woche lieferte eindeutig Otto Lechner. Der blinde Musiker sang die Austropopversion des Bob-Dylan-Klassikers "It Ain’t Me, Babe“. Auf Österreichisch heißt das dann: "Oba i bin’s net.“ Gesungen hat er das im Theaterstück "Schmoizhodan-Passion“ in der Drachengasse, wo die Kreuzigung Jesu in herrlicher Wiener Rührseligkeit und Selbstmitleid neu vertont wurde, basierend auf Wolfgang Teuschls Mundartbibel "Da Jesus und seine Hawara“. Lechner spielte den Judas, die Jünger sangen zum letzten Abendmahl "Es wird a Wein sein“, und Maria Magdalena sagte zu Jesus, was auch schon Stefanie Werger meinte: "I wü di g’spian“. Jesus selbst trällerte noch im Grabtuch eingewickelt: "Du liagst da und du kannst di net rian und die Würma kroin in dei Hian.“ Dass die Sache bekanntlich gut ausgeht, ist in der Heiligen Schrift nachzulesen oder beim "Jesus und seine Hawara“.

Bombay Sapphire, hochpreisige Ginmarke aus London, lud in die Kunsthalle Exnergasse. Versprochen wurden "tableux vivants“ - lebende Bilder also -, die sich aus Wiener Künstlern, Designern und Musikern zusammensetzen sollten. Fotografiert und in Szene gesetzt von Lukas Gansterer & Pigeon Disco. Im auf Wohnzimmer getrimmten Fotoset feierte also betont lässig die gesamte Wiener Hipster-Crowd, der fotounwillige Rest stürmte inzwischen die Gratisbar - und musste feststellen: Auch mit Gin schmeckt Cosmopolitan ausgezeichnet. Dazu wurden Hotdogs und natürlich Musik von den Turntables serviert. Das Endergebnis des Live-Shootings mit unter anderem Designerin Anna Eichinger, Musikmacher G. Rizo und Jimmy Zurek oder Fotograf Peter Garmusch wird demnächst in der Wiener Innenstadt plakatiert, bis dahin haben sich auch hoffentlich alle von ihrem Hangover erholt.

Die Innenstadt hat sich hoffentlich vom Charity-Handtaschen-Guerilla-Truck erholt, wo u.a. "Tatort“-Kommissarin Adele Neuhauser für Claudia Stöckls Hilfsprojekt einkaufte.

Und die Kunsthalle hat sich von der Finissage-Sause "Vanitas“ erholt, mit der Jakob Lena Knebl und Lisbeth Freiß der Ausstellung "Vanity“ noch einen kleinen Besucher-Pitch verpassten. Das Konzept der Lecture-Performance war zugegeben etwas dünn, ebenso Knebls Kleid. Aber: Es war lustig. Und das kurz vor der Karwoche!

E-Mail an den Zoo: zoo@falter.at


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