Museum  Kritik

Pophistorie I: der Meister des Wienerlieds

Lexikon | aus FALTER 15/12 vom 11.04.2012

Die Wienbibliothek stellt in einer empfehlenswerten Schau den Musiker Hermann Leopoldi vor, der als Komponist und Interpret des Wienerlieds bekannt wurde. "Die drei Wien des Hermann Leopoldi“ zeichnet die Etappen seiner Karriere nach. Im Auftrag der k.u.k. Armee trat er als "Klavierhumorist“ auf, nach dem Ersten Weltkrieg feierte er seine größten Erfolge ("Veronika, der Lenz ist da!“). Gemeinsam mit Bruder Ferdinand und dem Conferencier Fritz Wiesenthal führte er das Kabarett Leopoldi-Wiesenthal in der Rotgasse im ersten Bezirk. Er arbeitete mit den besten Textern, etwa Fritz Löhner-Beda und Fritz Grünbaum. Seine Lieder kommentierten das politische Zeitgeschehen und Lifestylemoden ("Bubikopf“). Als Hersch Kohn in eine jüdische Familie hineingeboren, wurde er im "dritten Wien“ zum Opfer der NS-Diktatur. Er wird im KZ Buchenwald inhaftiert, eine Zeit, die er im "Das Buchenwald Lied“ verewigt.

Es gelingt ihm die Flucht nach New York, wo er im Café Alt Wien auftritt. Die Speisekarte ("Wiener Wuerstl with Kren oder Saft“) wie die verzweifelten Briefe des in Wien verbliebenen Bruders sind einige der vielen aussagekräftigen Dokumente der Schau. "Wir müssen in Kürze ausreisen“, kündigt jener die bevorstehende Deportation in ein KZ an. Die Kuratoren Georg Traska und Christoph Lind vermitteln auch ein Bild von der beschämenden Situation, die die Emigranten nach ihrer Rückkehr nach Wien erwartete. Der schmalzige Alt-Wien-Sänger Leopoldi war willkommen, der politische Satiriker unerwünscht. In einem der Tonbeispiele ist "An der schönen roten Donau“ zu hören. Leopoldi intoniert Kurt Robitscheks Liedtext als sarkastischen Abgesang auf eine zerstörte Idylle: "Wir ham kan Charakter, doch wir ham ein goldnes Herz.“ MD

Wienbibliothek im Rathaus, bis 4.10.


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