Neu im Kino

Doku im Schwebezustand: "Stoff der Heimat“

Lexikon | Sabina Zeithammer | aus FALTER 15/12 vom 11.04.2012

Auf den ersten Blick wirkt es so, als wäre der Versuch, einen klassischen Dokumentarfilm zu produzieren, gescheitert: keine publikumsfreundliche Aufbereitung eines Themas, keine offensichtliche Ordnung der Inhalte. Es ist, als ob das Thema Tracht, das Othmar Schmiderers Dokumentarfilm "Stoff der Heimat“ in Österreich, Bayern, der Schweiz und Südtirol umkreist, zu ausufernd wäre, als dass es eingefangen werden könnte. Stattdessen gibt es wild aneinandergereihte Szenen, Themensprünge, körperlose Stimmen aus dem Off. Kurz: eine hervorragende Strategie.

Denn während die direkte Frage "Warum tragen Sie gern Trachtenmode?“ wenig Faszinierendes zutage fördert, macht die Mischung der Beobachtungen den Reiz des Films aus: Von politischen Veranstaltungen über traditionelle Umzüge und Bälle reicht das Spektrum weit in den Trachtenproduktions- und Modebereich hinein. In Interviews wird das "rechte Image der Tracht“ aufgegriffen, auf der anderen Seite halten hippe Designerinnen Glitzerdirndln namens "Happy Heidi“ oder die "Dirndlmoschee“ in die Kamera.

Grundsätzlich scheint "Stoff der Heimat“ von einer Faszination für das Filmen selbst getragen zu sein: Zum elektronischen Score, der oftmals die Originalakustik ersetzt und damit Distanz und eine Art Schwebezustand schafft, streift eine gedankenverlorene Kamera über Menschenansammlungen, bleibt an Gesichtern und Details hängen. Dabei kann einen Schmiderers Werk szenenweise verärgern, wenn zu unklar bleibt, was gerade genau passiert.

Insgesamt ermöglicht diese freie Herangehensweise aber einen ungewöhnlichen, hochinteressanten und frechen Dokumentarfilm. Wo sonst nur Information im Vordergrund steht, bietet "Stoff der Heimat“ fast hypnotischen Bildgenuss und regt dennoch zum Nachdenken an.

Ab Fr im Gartenbau


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