Ins Mark  Der Kommentar zur steirischen Woche

Ein C bis 2047

Steiermark | aus FALTER 15/12 vom 11.04.2012

Unlängst flatterte vor die Türen der hiesigen Haushalte eine Broschüre der Grazer ÖVP. Eigenlob auf 47 Seiten. Auffallend weltmännisch gab sich die VP, freute sich, dass es in Graz "viele Möglichkeiten gibt, das eigene Leben auf individuelle Weise zu gestalten. Die Aufgabe der Politik ist es, den dafür nötigen Rahmen zu gestalten“. Auf dem Cover sieht man Bürgermeister Siegfried Nagl mit einem Malerpinsel in der Hand. Aha, der Sigi verpasst also unserer Stadt einen schönen Anstrich. Aber Nagl ist ja auch Gärtner - man denke an die Buchsbäumchen - und seit letzter Woche Schmied - der Pavillon des Stadtparks ist derzeit vergittert. Weil Menschen mit alternativer Weltsicht sich dort immer wieder ein Plätzchen suchen. Das ist wohl der "Rahmen“, von dem gesprochen wurde.

Das "weltoffene, moderne Zuhause“, das sich die VP wünscht, wird es so blütenweiß nicht spielen. Vor allem ist die Vergitterung des Pavillons bloß belanglose Symbolpolitik. Der Stadtpark wird auch weiterhin morgens versaut sein, weil junge Leute dort halt gerne Party machen. Und wie löst man die Uni-Viertel-Malaise, wo die Anrainer stöhnen? Mit Gittern?

Abgesehen davon ist das Zunagln nicht nur unelegant, sondern auch beängstigend unkreativ. Hallo, wir sind City of Design! Man könnte über 24-Stunden-Konzerte im Pavillon nachdenken. Das wär eine Hetz und würde Graz über die Grenzen hinaus bekannt machen. Rund um die Uhr Robert Stolz, ein Sohn der Stadt - das vertreibt die härtesten Punks. Oder John Cage. Der hat im deutschen Halberstadt ein Orgelprojekt am Laufen, da erklingt noch bis 2047 ein schlichtes C. Dazu knöpft sich nun wirklich niemand einen Doppelliter vor.


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